"Wuppertal hat viel zu bieten."

 

Steffen Schneider über sich, Kunst und die WOGA.

Seit 2003 organisiert der frühere Galerist Steffen Schneider die WOGA (Wuppertaler offene Galerien und  Ateliers), die mit 39 Teilnehmern begann und mittlerweile um die 200 Künstler zählt. Der Event, der an zwei Wochenenden im Herbst stattfindet, ist mittlerweile ein fester Termin im Wuppertaler Kulturkalender.  Neben bekannten Künstlern präsentieren sich auch viele Hobby-Maler einem breiten Publikum. Wir treffen den WOGA-Organisator im Luisenviertel, im Cafe Engel, auf ein Bier. 

Wie wird man eigentlich Galerist? 

 

Steffen Schneider: Ich bin eigentlich gelernter Kaufmann, war vierzehn Jahre in dem Beruf tätig und hatte es eigentlich schon weit gebracht. Und 2001 ist die Firma dann nach München umgezogen und wollte, dass ich mitgehe. Ich habe da lange drüber nachgedacht. Zu der Zeit hatte ich gerade Geburtstag und durch meine viele Arbeit hatte ich ganz vergessen, meine Freunde einzuladen und eine Party zu machen. Kurz vorher fiel mir das noch ein und ich rief noch schnell meine Freunde an und alle sagten mir, dass das doch gar kein Problem sei und sie sowieso vorbei gekommen wären. Und so hatte ich dann doch noch die Bude voll und eine schöne Feier. Da kam mir zum Bewusstsein, dass wenn ich nun in München wäre, ich genau das nicht mehr hätte. So einen Freundeskreis könnte ich dort nicht aufbauen, schon wegen der vielen Arbeit. „Steffen“, sagte ich mir, „Du wirst dich da dumm und dusselig verdienen, aber du hast dann nichts davon!“ Ich habe mich also dagegen entschieden und habe den Job geschmissen.  

 

In die Kunst bin ich dann gekommen, weil ein Freund von mir selber Künstler ist: Thomas Eiffert. Wir haben gemeinsam die Galerie Blickfang gegründet, weil ich mir sagte, wenn du schon nicht nach München gehst, um Karriere zu machen, dann mach doch was ganz Neues im Bereich der Kunst. Ich komme aus einem

Elternhaus, das sich schon immer für Kunst interessierte und ich hatte auch immer Interesse an der Kunst. Ich hatte zwar nie vor, eine Galerie zu gründen, aber das kam dann halt so. Ich sage immer, wenn man etwas aufgibt, ohne zu wissen, was dann passiert, dann kommt schon noch was Neues. Und so war es dann auch. Die Galerie war hier schräg gegenüber in der Luisenstraße (Er zeigt aus dem Fenster). Zwanzig Quadratmeter. Ein ganz kleines „Galeriechen“, habe ich immer gesagt.  Ist die Galerie dann gut gelaufen? Ich stelle mir das schwierig vor.  

Total schwierig. Sie ist überhaupt nicht gut gelaufen. Nach ein, zwei Jahren habe ich auch herausgefunden, woran das liegt.

 

Es gab damals schon sehr viele Künstler in Wuppertal, aber ich habe gemerkt, dass die Kunden das gar nicht wussten. Sie kannten zwar Künstler, die eine große Öffentlichkeit hatten, aber dass es noch viele andere Künstler gibt, wussten sie nicht. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und es hat sich herauskristallisiert, dass die Kunden, da wir ja die Nähe zu Düsseldorf und Köln haben, in diese Kunststädte fahren, um Kunst zu kaufen und die Künstler auch dorthin fahren, um ihre Kunst zu verkaufen. Oft war es sogar so, dass sie die Kunst in Köln gekauft haben und sie dann hier rahmen ließen, weil es billiger war. „Aber Kunst bekommt man ja hier nicht“, das war die Meinung. Ich habe aus diesem Gedanken heraus die WOGA entwickelt.  


"Ich habe eine Datenbank von über 700 Künstlern."


Das war ja jetzt nichts Neues, so etwas gab es ja bereits in Düsseldorf und in Köln. In vielen Städten gibt es das. Ich hatte mich gefragt, warum es so etwas nicht in Wuppertal gibt, obwohl wir hier so viele Künstler haben. Ich habe eine Datenbank von über 700 Künstlern.

 

In Wuppertal?  

 

Ja, alleine in Wuppertal.  

 

Und wie ist das Verhältnis von Hobbykünstlern zu Profis? Bei der WOGA sind ja alle vertreten.  

 

Das war mir sehr wichtig. Direkt am Anfang war es mir wichtig, dass wir es nicht machen, wie in anderen Städten. Düsseldorf hat zum Beispiel gesagt, wir nehmen nur Akademieabsolventen. In anderen Städten ist es die Regel, dass nur Verbandsmitglieder mitmachen dürfen. Wenn man nicht im BBK ist, kann man also nicht teilnehmen. In Oldenburg treten die Künstler vor ihrem Ausstellungswochenende wie die Lemminge in die BBK ein, um hinterher wieder auszutreten, nur um mitmachen zu können. Und beides, sowohl das Düsseldorfer Elitärdenken, als auch das Verbandsdenken ist etwas, das mir überhaupt nicht liegt. Hinzu kommt, dass ich viele Künstler kenne, die kein Studium absolviert haben und trotzdem von der Kunst leben. Und es gibt auch Künstler, die neben ihrer Kunst einen Lohnjob haben, da bleibt die Kunst im Grunde auch ein Hobby. Ob ich nun eine malende Hausfrau bin oder ein Künstler, der bekannt ist und trotzdem nebenher einen festen Job hat, das ist kein Unterschied. Und ich denke, dass sich da von selbst die Spreu vom Weizen trennt.  

 

Oft ist ja auch die Kunst, die sich verkauft und von der man leben kann, nicht die Kunst, die die Künstler eigentlich machen wollen.  

 

Ja, das gibt es auch. Das kann auch ein Problem werden.  

 

Empfinden es nicht einige Künstler als unter ihrem Niveau, mit Hobbykünstlern gemeinsam auszustellen?  

 

Das Denken von diesen Künstlern finde ich ganz schlimm. Und wenn Galeristen so etwas andeuten, dann wollen sie natürlich nicht, dass der Künstler an Ihnen vorbei verkauft. Man sollte schon die Größe haben, Leuten, die noch nicht so weit sind, wie man selbst, die Hand zu reichen. Das ist ein Denken, das wir in unserer heutigen Welt kaum noch finden. Wir grenzen uns alle ab und wollen uns selbst nicht schaden. Aber ich tue mir ja nicht weh, wenn ich jemand anderem helfe.   

 

Bei der WOGA mache ich immer eine Abfrage, die ich vorher ankündige. Ich möchte gerne ein Resümee haben. Wie war es denn so? Und, ganz ehrlich, manchmal finde ich einige Bilder auch ziemlich daneben, wenn ich sie auf die Site stelle. Aber auch in Düsseldorf gibt es gut situierte Künstler, da muss ich kotzen, wenn ich ihre Bilder sehe. Die Qualität der Bilder ist oft völlig unabhängig von der Art der Ausbildung. Und interessanterweise sind genau die Teilnehmer, deren Bilder ich fragwürdig fand und mir dachte, die werden sicher nur einmal teilnehmen, diejenigen, die mir hinterher Hassmails schreiben, warum ich mich nicht darum gekümmert hätte, dass sie genug Besucher bekommen würden. Sie machen das dann an mir fest. Ich denke mir dann auch: Schau doch einfach mal, was du da auch machst! Aber das sage ich natürlich nicht. Das zeigt mir einfach, dass eine natürliche Auslese von selbst geschieht. 

 

Es gibt da auch Hobbykünstler, die jedes Jahr mitmachen, ihren festen Kundenkreis haben und wirklich immer etwas verkaufen. Warum also nicht? Vielleicht gehen dort keine Kunstkenner hin, aber sie machen ihren kleinen Umsatz. Und es gibt viele im Zwischenbereich zwischen Kunsthandwerk und Kunst, die ein ganz anderes Publikum anziehen, das dann wiederum in den Kunstbereich reingezogen wird. Ich kenne Leute, die das erste Mal zur WOGA gegangen sind, ohne etwas von Kunst zu verstehen und gehen jetzt nur noch zu den richtigen Kunstevents. Das heißt, man zieht sich auch ein Publikum heran.  

 

Gibt es irgendwelche Statistiken über die Besucher-zahlen der WOGA?  

 

Ich werde jedes Jahr von der Stadt Wuppertal aufgefordert, die Besucherzahlen zu nennen und muss jedes Mal sagen, dass ich das nicht kann. Ich sage aber immer, ob es nach Angaben der abrufbaren Daten eine Steigerung gab oder nicht. Das kann besonders gut an der Marienstraße, an der Wiescherstraße und an der Luisenstraße festgemacht werden. Da gibt es immer ein paar Leute, die haben wirklich gezählt. Und wenn die dann mal 300, 350 oder 400 Besucher haben, an der Wiescherstraße hatten sie dieses Jahr sogar 500 Besucher, dann kann ich sagen, wir hatten da eine Steigerung. Die Leiterin des Kulturbüros in Wuppertal hat daraufhin mal gesagt, wir sind jetzt bei 5000 Besuchern. Ich habe gefragt: Woher soll man das denn wissen? Aber anscheinend hat man irgendwann einmal eine Summe errechnet und nun rechnet sie die prozentuale Steigerung einfach drauf. Aber das kann man ja so gar nicht machen.  

 

Man weiß ja gar nicht, wie viele Künstler so ein Besucher an einem Tag abklappert.  

 

Ja, da müsste man schon jeden Besucher befragen, wie viele Besuche er schafft. Jeden Besucher! Wenn ich weiß, dass es in der Wiescherstraße eine Steigerung gab, dann weiß ich immer noch nicht, ob in den Außenbezirken nicht genau so wenige wie immer kommen. Hinzu kommt, ich sag‘ es ganz ehrlich, es interessiert mich überhaupt nicht. 

Ich mache diese Veranstaltung nicht, um mir hinterher auf die Schulter zu klopfen und zu sagen, ich habe soundso viele Leute erreicht. Ich finde es viel interessanter zu wissen, dass die und die Künstler mitgemacht haben, denn ich mache das für die Künstler und nicht für das Publikum. Es gibt Teilnehmer, die waren glücklich über den Verlauf der WOGA, obwohl sie nur zwanzig Besucher hatten, wovon zehn ihre Freunde sind. Letztens hatte ich einen, der hatte nur zwei Besucher. Aber diese beiden haben dann auch etwas gekauft. Andere haben nichts verkauft und sind trotzdem zufrieden, denn darauf kommt es ja gar nicht an.  



'Ich habe Künstler getroffen, die wollten ausstellen, hatten aber Angst vor Feedback.'

 




Die Künstler liegen dir sehr am Herzen.  

 

Ja, denn viele Künstler gehen gar nicht an die Öffentlichkeit und haben auf der WOGA überhaupt mal die Möglichkeit, Feedback zu bekommen. Ich habe Künstler getroffen, die wollten ausstellen, hatten aber Angst vor Feedback. Sie hatten Angst, das nicht ertragen zu können. Da habe ich als Galerist auch erst einmal gelächelt. Aber man weiß natürlich im Vorfeld nicht, wie weit diese Künstler sind, in welcher Phase sie gerade stecken. 

 

Ich bin auch immer ein bisschen stolz darauf, dass viele Künstler an der WOGA wachsen, auch menschlich. Manch ein unsicherer Teilnehmer, der vorher noch nicht so genau wusste, wie er mit Besuchern und Feedback umgehen soll, war hinterher ganz zufrieden und viel selbstsicherer. Das finde ich schön. Sie müssen teilweise lernen, aus ihrem eigenen Elfenbeinturm herauszukommen. Ganz viele Künstler, die nur malen und nebenbei keinen anderen Job haben, die verhaften schon manchmal in ihrer eigenen Welt. Für die ist die WOGA eine gute Sache.  

Ich freue mich immer wieder, wenn der Aufruf im Juli beginnt. Ich kenne ja mittlerweile wirklich viele Künstler, die mitmachen. Und zwischen Juli und Oktober beginnen dann die Aktionen, dann fangen einige an zu malen. Sie erzählen dann, dass sie auf die WOGA hinarbeiten. Das heißt also, sie sind dann immer wieder aufs Neue überrascht, dass die WOGA wieder stattfindet. Ach, ist es schon wieder soweit? Sie arbeiten regelrecht daraufhin und das ist doch schon Grund genug, die Veranstaltung zu machen. Ich halte sie auch für wichtig, denn Künstler haben keine Lobby. Sie haben keine Organisation und auch niemanden, der Ihnen mal „in den Arsch tritt“. Und darauf bezogen halte ich die WOGA für viel interessanter als Galerien. In die Galerie lasse ich nur Leute, von deren Kunst ich überzeugt bin und nur weil ich nicht davon überzeugt bin, ist seine Kunst nicht schlecht. Und ohne einen Galeristen hast du als Künstler keine Lobbyisten.  

 

Als Galerist will man ja auch verkaufen.  

 

Eben. Und der Galerist will auch noch auswählen und zwar die Bilder, von denen er glaubt, sie lassen sich verkaufen und nicht die, die du für die besten hältst. Während meiner Galeristenzeit habe ich immer den Januar genommen und habe dann Ausstellungen gemacht, die von vornherein nicht für den Verkauf gedacht gewesen sind. Teilweise auch Sachen, die gar nicht verkäuflich waren, zum Beispiel Installationen. Weil der Januar ein toter Monat ist, viele Galeristen machen da einfach zu. So etwas konnte ich einmal im Jahr machen. Später dann auch im November, weil dann nach der WOGA der Markt gesättigt war. Das ist dann auch der Grund, warum ich aufgehört habe.  

 

Zwischendurch hast du ja auch die Galerie Epikur geleitet?  

 

Ja, aber nur von 2012 bis 2013, dann habe ich sie geschlossen. Es lief nicht gut. Das war von Anfang an ein Fehler, aber es war trotzdem eine schöne Zeit.  

 

Mit der WOGA hast du dir also dein eigenes Geschäft kaputt gemacht?  

 

Natürlich. Wobei ich gar nicht weiß, ob es alleine die WOGA gewesen ist. Ich glaube schon, dass es auch an der Verbreitung des Internets lag. Als ich begonnen habe, 2002, da war das noch nicht so wie heute. Da hatten vielleicht zehn Prozent der Künstler eine Homepage. Heute hat jeder eine Homepage. Und du hast die Möglichkeit, dich selbst zu vermarkten, zum Beispiel bei Facebook. Auf Facebook wirst du gesehen. Das war früher nicht so. 

Das mit den Galerien hat sich eigentlich erledigt, außer im hochpreisigen Bereich. Und der hochpreisige Bereich hat mich nie interessiert. Da geht es nur noch darum, wie man die Preise steigern kann und nicht mehr um wirklich gute Kunst. Aber natürlich habe ich in meiner Galeristenzeit am liebsten regionale Künstler genommen, weil ich davon überzeugt war. Ich musste dann aber feststellen, dass die Künstler, die bei mir ausstellten, später auch auf der WOGA ausstellten und dort dann für die Hälfte verkauften. Das geht so natürlich nicht. Ich konnte so oft mit ihnen reden, wie ich wollte, sie haben das trotzdem gemacht. Auch die, mit denen ich befreundet war. Ich bekam das immer mit.  

 

Ich bekomme auch immer mit, wenn Leute bei der WOGA teilnehmen, die nicht angemeldet sind. Es geht da um vierzig Euro, die sie sparen wollen, allen Ernstes. Die stellen dann einfach bei Künstlergruppen oder Partnern mit aus. Die WZ pickt sich zufällig immer wieder so einen heraus und schreibt über diesen Künstler. Ich stutze dann immer und denke, dass sich da doch gar kein zweiter Künstler angemeldet hat. Ich denke, das sind jedes Mal so fünf oder sechs Leute. Ich will gar nicht wissen, wie viele es wirklich sind. Das ist natürlich vollkommen kontraproduktiv, zumal wir mit einem Satz von dreißig Euro begonnen hatten, der sich irgendwann auf sechzig Euro erhöht hat, weil es nicht mehr finanzierbar war. Man will ja auch Werbung machen. Wir müssen die Plakate drucken. Wir wollten Werbung schalten. Das heißt, die Kosten sind gestiegen. Und als wir dann bei sechzig Euro waren, haben wirklich die ersten Künstler gesagt, dass sie nicht mehr mitmachen wollen. Es wäre ihnen zu teuer. Das fand ich an sich schon ein Unding, denn es gibt so viele Verbände, die wesentlich mehr verlangen. 

 

Klar, in Düsseldorf bekommt man noch eine Museumskarte dazu, wenn man als Künstler kostenlos an den Kunstpunkten teilnimmt. Das finde ich auch gut. Aber das kann man sich hier nicht leisten. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Künstler in Gruppen zusammen getan haben und nur einmal bezahlen wollten. Das Budget ist immer mehr geschrumpft, je mehr ich den Preis erhöht habe. Darum habe ich die Kosten auf vierzig Euro gesenkt, aber jetzt muss sich jeder Künstler einzeln anmelden. Jetzt haben wir also einen niedrigeren Preis, mehr Teilnehmer und das gleiche Budget.  

 

Das ist wirklich wenig Geld für all die Werbung, vor allem für die ganzen Flyer, die gedruckt werden müssen.  

Die Flyer müssen ja nicht nur gedruckt, sondern auch verschickt werden. Ich verschicke sie mit der Post. Ich habe dieses Jahr zweihundert Pakete verschickt. Alleine das kostet siebenhundert Euro Porto. Von der Zeit, die ich da investiere, mal ganz abgesehen.  

 

Besuchen sich die Künstler auch untereinander?  

 

Ich finde es toll, dass wir zwei Wochenenden haben. So kann jeder Künstler an seinem freien Wochenende auch mal schauen, was die anderen so machen. Die Barmer können dann mal nach Elberfeld fahren und umgekehrt. Aber ich finde ehrlich, dass viel zu wenige Künstler unterwegs sind, dabei wäre so ein Austausch richtig wichtig.  

Die Teilnahme ist ja auch für den Künstler mit viel Arbeit verbunden.  

 

Für den einzelnen Künstler ist es mitunter schon viel Arbeit. Das kommt schon darauf an, wie viele Ausstellungsobjekte er bereits hat. Aber es gibt tatsächlich welche, die sagen, sie würden nächstes Jahr nicht teilnehmen, weil es ihnen zu anstrengend ist, das Atelier aufzuräumen. Ich könnte Anekdoten von Künstlern erzählen, da würden wir die nächsten drei Nächte hier sitzen und uns auf die Schenkel klopfen. Aber ich sage das nicht, weil ich sie für dumm halte, sondern weil sie eine andere Sicht auf die Dinge haben. Wenn sie meine Sicht auf die Dinge hätten, dann würden sie nicht diese Kunst machen.

 

Sie dürfen das eben. Sie sind in ihrem eigenen Kosmos und wie kann ich da verlangen, dass sie etwas von Organisation verstehen? Dafür bin ich dann ja da. 

 

 


"Wenn es mir darum ginge, viel Geld zu verdienen, dann hätte ich meinen Job behalten."



Da muss man schon wirklich engagiert sein, um das durchzuziehen.  

 

Ja schon, aber ich habe ja meinen Job nicht umsonst aufgegeben. Wenn es mir darum ginge, viel Geld zu verdienen, dann hätte ich meinen Job behalten. Aber darum geht es nicht. Es ist mir wichtig, für etwas zu arbeiten, bei dem du weißt, es ist etwas Gutes und da kann ich hinter stehen. Die Flüchtlingskrise hat zum Beispiel eine unendliche Anzahl an ehrenamtlichen Helfern motiviert und sie arbeiten da ganz umsonst, weil sie wissen, dass sie da etwas Gutes tun. Ähnlich ist es auch bei mir. Ganz ehrlich, mein Leben ist erfüllter, seitdem ich kein Geld mehr verdiene. Das war nicht schön früher, da habe ich fünfzehn Stunden am Tag gearbeitet, sieben Tage in der Woche, und hinterher hattest du keine Zeit, dein Geld auszugeben. Das macht dich fertig. Und wofür? Jetzt bin ich alt genug zu sagen, ich brauche nicht mehr Geld. Ich habe ja alles, ich brauche nicht alle drei Jahre ein neues Auto. Ich habe gar kein Auto. Aber ich habe jetzt die Freiheit, Dinge zu tun, die wichtig für mich sind und nicht zwangsläufig Geld bringen. 

 

Der Künstler malt ja auch nicht, weil er es des Geldes wegen muss, sondern weil es einfach aus ihm raus muss. Und da sehe ich mich auch in der Tradition dieser Künstler, obwohl ich selbst kein Künstler bin.  

 

Du hattest also niemals Ambitionen, selbst Kunst zu schaffen?  

 

Nein. Ich habe wohl früher mal ein bisschen was gemacht, aber das habe ich dann schön bleiben lassen. (Er lacht) Das war auch ziemlich peinlich. Da habe ich eine Ausstellung gemacht mit Männerakten, hier in der Galerie. Die Ausstellung lief dann am gleichen Wochenende, wie der Christopher Street Day. Ich dachte, damit könnte ich ein paar Homosexuelle anlocken, aber die haben sich nicht dafür interessiert. Und im Hinterzimmer hingen dann auch drei, vier Zeichnungen von mir. Ich wollte das niemandem erzählen, aber dann kam es raus und die WZ hat daraus einen riesigen Aufmacher gemacht. Das war mir sowas von peinlich. Ich hatte vorne richtig gute Kunst hängen und die interessierten sich nur für meine Zeichnungen.  

 

Vielleicht waren die Arbeiten gar nicht so schlecht?  

 

Nein, die haben nicht ein einziges Wort über die Qualität der Arbeiten geschrieben. Ihnen war nur wichtig, zu schreiben, dass der Galerist malt.  

 

Der Mensch hinter der Kunst ist ja auch sehr interessant, nicht die Kunst alleine.  

 

Aber das ist völlig falsch. Ich halte es nicht für wichtig, wer dahinter steht. Ich möchte vor allem auch nicht meine Person in den Vordergrund stellen. Auch nicht im Zusammenhang mit der WOGA. Denn warum mache ich die WOGA überhaupt? Weil sie sonst niemand machen wollte. Ich habe 2003 damit begonnen und ein paar Jahre vorher hatten wir hier so etwas ähnliches, eine Galeriennacht. Da wurden aber nur ausgewählte Künstler präsentiert. 

 

Ähnlich war es dann auch mit der Museumsnacht. Man hatte sich nie die Mühe gemacht, einmal alle Künstler zusammenzufassen. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass sie kein Personal dafür hatten oder einfach nur kein Interesse, ich weiß es nicht. Ich habe auch ganz lange mit der Stadt Wuppertal darüber gestritten, ob ich Fördergelder bekomme oder nicht. Und bevor die Leitung des Kulturbüros wechselte, hieß es immer: „Originäre Aufgabe des Kulturbüros ist es nicht, Architekten zu unterstützen.“ Der Satz ist wunderschön. Und ich vermute, dass dies eine Anspielung auf einen Wuppertaler Künstler war, der auch Architekt ist. Gemeint war aber, dass man nur die Hochkultur unterstützen wollte. 

 

 


"Die WOGA ist ja auch praktisch kostenloses Stadtmarketing."


 

Daraufhin wollte ich ja schon auf städtisches Geld verzichten, aber nach der ersten WOGA schmiss man mir das Geld geradezu hinterher. „Sonst frisst es der Stadtkämmerer“ hat man dazu originär zu mir gesagt. Das Geld hätte ich lieber vorher gehabt, aber ich habe es dann doch genommen, für die nächste WOGA. Nach und nach hat die Stadt Wuppertal dann das elitäre Denken aufgegeben. Das Thema ist nun gegessen und die Stadt fördert die WOGA unabhängig von einem künstlerischen Qualitätsstandard, wie es ihn in Düsseldorf oder Köln gibt. Die WOGA ist ja auch praktisch kostenloses Stadtmarketing. Dabei lernt man Wuppertal mal ganz anders kennen. So etwas finde ich klasse.

  

Wir haben da auch eine tolle Website. Nicht vom kreativen Aspekt, da sind Düsseldorf und Köln besser, aber von der Aussagekraft. Bei uns kann man mehr über die einzelnen Künstler erfahren und wir zeigen mehr als nur ein ausgewähltes Bild. Wenn ich in Düsseldorf oder Köln unterwegs bin, dann reicht mir ein Bild nicht aus, um mich zu entscheiden, ob ich den Künstler sehen möchte oder nicht.  

 

Dafür ist der Stadtplan auf deren Flyer aber hilfreich.  

 

Das stimmt. Aber die haben natürlich auch mehr Geld als wir. Hätten wir ein größeres Budget, dann könnten wir auch mal Plakate in anderen Städten verteilen oder dort Anzeigen schalten. So bleibt der Event meist nur lokal bekannt. Seit zwei Jahre verteilen wir nun die Flyer wenigstens im Umland. Mit mehr Geld kann man natürlich auch mehr erreichen.  

 

Auch ein Shuttlebus wäre toll.  

 

Aber alles ist auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln machbar. Ich bin auch immer ohne Auto unterwegs. Ein Stadtbummel ist doch toll. Meistens hatten wir schönes Wetter bei der WOGA. Aber ich habe da tatsächlich auch schon mal drüber nachgedacht und wollte die Wuppertaler Stadtwerke als Sponsor mit ins Boot holen und fragen, ob sie einen Bus stellen können. Ronsdorf, Cronenberg, Vohwinkel, alle Außenbezirke eben, sind schon schlechter erreichbar. Aber ich möchte nicht, dass dann wieder bestimmte Punkte angefahren werden und sich einzelne Künstler vernachlässigt fühlen und mir wieder das Mailfach voll machen. Es ist wirklich unglaublich, wie schnell ich damit einen Shitstorm auslösen kann, wenn ich mal etwas nicht so mache, wie man es von mir erwartet. Das ist wirklich ganz schlimm. Ich bekomme etwa 2000 Mails zum Thema WOGA. Da kann ich nicht immer alle sofort beantworten.  

 

Hast du auch Lieblingskünstler?  

 

Wenn man mich fragt, welchen Künstler ich empfehlen könnte, dann blocke ich immer ab. Da möchte ich keine Empfehlung geben. Das gehört sich nicht, finde ich. Ich möchte da neutral sein.  

 

Wann beginnt denn die Anmeldephase für die nächste WOGA?  

 

In der ersten Juliwoche beginne ich meistens, den ersten Aufruf zu starten und Ende August ist Anmeldeschluss. Früher habe ich mich immer sehr geärgert, dass die Termine nicht eingehalten werden. 20 Prozent melden sich in der regulären Zeit an, 30 Prozent kommen in der letzten Woche und 50 Prozent kommen nach dem Termin. Aber man wird ja schlauer mit der Zeit und nun lasse ich die Anmeldungen erst einmal auflaufen, bis ich mich darum kümmere. Ich setze mich dann Freitagnachmittag hin und bekomme dann mehr geschafft, als wenn ich mich um jede einzelne Mail sofort kümmere.  

 

Hast du schon einmal ans Aufhören gedacht?  

 

Nein, daran habe ich nie gedacht. Es gab da mal eine Zeit, als ich gemerkt habe, mir laufen die Kunden weg, da kam ich schon ins Grübeln. Aber aufhören wäre da der falsche Ansatz gewesen. Denn es war ja vor allem das Internet, das das Galeriegeschäft kaputt gemacht hat. Im Grunde ist die WOGA mittlerweile auch ein Selbstläufer, sie wäre allerdings nicht so erfolgreich, wenn ich nicht immer hinterher wäre. Ich kenne die Kulturszene hier, ich habe Kontakte und Adressen und lese viel Zeitung. Das ganze Jahr über sammele ich Informationen und wenn ich einen neuen Künstler in der Nähe entdecke, spreche ich ihn auch gleich an und fahre vorbei. Im Schnitt sprechen mich ein bis zwei neue Künstler im Monat auf die WOGA an, aber die meisten neuen Teilnehmer bekomme ich dadurch, dass ich mich informiere und kümmere. Dieses Mal waren es etwa vierzig Neuanmeldungen. Viele springen dann auch wieder ab.

 

Wenn alle Künstler, die jemals mitgemacht haben, immer dabei blieben, dann hätten wir genau so viele wie Düsseldorf und die haben über 500 Teilnehmer.  

 

Wie lange wird es die WOGA noch geben?  

 

Jedes Jahr im Juni freue ich mich schon wieder auf die WOGA. Von August bis Oktober ist es dann quasi ein Vollzeitjob. Wenn der Flyer fertig ist, dann arbeite ich schon mal ein paar Nächte durch, um alle Infos und Bilder auf die Homepage zu kriegen. Und wenn dann alles vorbei ist, dann bin ich auch fertig und möchte nichts mehr davon wissen. Aber ich bin auch jedes Mal glücklich, dass ich es gemacht habe, trotz allen Ärgers. Die Hälfte der Künstler kenne ich ja auch persönlich. Zur Zeit macht mir das Ganze also noch Spaß. Vielleicht habe ich aber in einem Jahr keine Lust mehr dazu, theoretisch kann das sein. Die Freiheit, dann aufhören zu können, möchte ich mir einfach lassen. Ich bin nicht umsonst nicht mehr angestellt: Ich will Freiheit haben. Aber ich bin auch verantwortungsbewusst und die WOGA liegt mir am Herzen, sie ist mein Kind. Wenn ich mich einmal verabschieden sollte, dann würde ich sie natürlich in andere Hände legen.  

 

Gerade heute habe ich meinen Verwendungsnachweis ausgefüllt, das erste Mal, dass mich die Stadt nicht dazu auffordern musste. Jetzt ist die WOGA schon wieder sechs Wochen her und ich habe schon wieder Lust drüber zu reden. #

 

 

Zur Person

Steffen Schneider - Jahrgang 1968 - gelernter Kaufmann und Controller - Galerist der Galerie Blickfang bis 2012 - Organisator der WOGA seit 2003 - lebt in Sprockhövel  

 

www.wogawuppertal.de


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