"Meine Kunst ist harte Kost."

 

Im Gespräch mit Eberhard Bitter.

Die Bilder von Eberhard Bitter sind kraftvoll und ziehen den Betrachter in seinen Bann. Sein Motiv ist fast ausschließlich der Mensch in seiner natürlichen Nacktheit, meist in extremer Bewegung. Der grobe, pastose Farbauftrag wirkt ursprünglich, fast aggressiv, und doch wirken die Figuren empfindsam und angreifbar: Bitters Bilder sind ambivalent und lassen sich nicht leicht fassen. Der Künstler lädt uns in sein  riesiges, lichtdurchflutetes Wohnatelier ein. Die Wände sind von seinen Werken geprägt. Und in der Mitte des Raumes wartet ein gedeckter Kaffeetisch.

Herr Bitter, Ihre Werke sind sehr lebendig. Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? 

 

Eberhard Bitter: Ich arbeite normalerweise live, habe aber auch kein Problem damit, zwischendurch vom Foto auszugehen. Es ist wichtig, ab und an das Atelier zu verlassen und mir live meine Eindrücke zu verschaffen. Ich mache dabei oft Zeichnungen und zum Teil auch Fotos. Zum Beispiel habe ich mir schon einmal drei Tänzer hierhin geholt und mit ihnen eine Fotosession gemacht. 

 

Mit welchem Material arbeiten Sie am liebsten? 

 

Alle farbigen Werke, die Sie hier sehen, wurden mit Öl gemalt. Ich habe auch einige neu entwickelte Zeichnungen mit Tusche, in Kombination mit Acrylfarbe, aber ich arbeite am liebsten mit Ölfarbe. 

 

Und wie lange arbeiten Sie an einem Bild? 

 

Im Schnitt arbeite ich so zehn Tage an einem Bild. Zum Teil komponiere ich aber im Vorfeld recht lange an einem Motiv. Hier ist zum Beispiel ein Bild, das nennt sich Körperknoten. (Er zeigt auf ein Bild.) Man sieht drei Körper, die miteinander verschlungen sind. Und da brauchte ich zum Teil viel Zeit, um die Körper so miteinander zu kombinieren, auch wenn ich da von Fotovorlagen ausgegangen bin. Manchmal sieht dann eine Figur bei solchen Fotos falsch aus, sie steht dann nicht richtig. Dann muss ich das immer ein wenig zeichnerisch verändern, bis die Komposition grob steht. Und dann geht die Sache los und ich fange mit der Leinwand und der Farbe an. 

 

Ist die Farbe denn dann schnell trocken? 

 

Ich packe erst immer ganz vorsichtig mit der flachen Hand auf die Leinwand, so nach zwei Wochen, und schaue, ob die Farbe trocken ist. Es ist schon doof, wenn man ein schönes neues Ölbild gemalt hat, das noch feucht ist, und gerade eine Ausstellung läuft. Man will es dann direkt zur Ausstellung bringen, aber wenn es gerade gemalt ist, dann geht das natürlich nicht. Das ist der Nachteil gegenüber der Acrylmalerei, die sofort trocken ist. Die könnte man dann sofort einpacken und mitnehmen. 

 

Sind Sie ein akribischer Maler, der seine regelmäßigen Arbeitszeiten hat? 

 

Ja, so ungefähr. Ich stehe schon so gegen halb acht auf und dann wird erst einmal gemütlich gefrühstückt. Nicht stundenlang, aber schon in Ruhe. Und dann gucke ich erst einmal auf den Computer. Was sagen die E-Mails? Aber gegen halb zehn will ich dann auch loslegen. Gut, dann muss man auch manchmal noch Sachen besorgen. Heute habe ich nochmal Ölfarben gekauft, das gehört halt noch dazu. Aber ich bin im Grunde genommen, von der Arbeitsmentalität her, wie ein Handwerker. 

 

Sie haben also richtige Arbeitstage? 

 

Ich fange jetzt nicht an zu stempeln und gucke genau auf die Uhr, aber das ist schon mein Beruf, meine Berufung. Und dann arbeite ich tagsüber gut durch. Ich habe ja hier auch das Glück, dass es schön hell ist. Klar, die Fenster könnten noch größer sein, aber ich kann auch mit Kunstlicht improvisieren, deshalb sehen Sie hier auch die vielen Lampen. Da muss es jetzt nicht das absolute Nordlicht sein. Aber es macht mir ja Spaß, diese zwischenmenschlichen Begegnungen darzustellen, da vergesse ich oft die Zeit und das Licht. Ich finde es immer interessant, wenn zum Beispiel beim Tanz Normen von Körpersprache gebrochen werden. Die bewegen sich ja alle auf eine ungewöhnliche Art aufeinander zu und dann distanzieren sie sich wieder und korrespondieren so auf eine verknotete Art miteinander. Zum Thema Körperknoten will ich bald wieder an einer neuen Serie arbeiten. 

 


"Stellen sie sich einen Tatort ohne Menschen vor.
Das gibt es gar nicht."


War das schon immer Ihr Thema – der Mensch? 

 

Ja, das hat sich ganz schnell herauskristallisiert. Es ist einfach so, dass das zwischenmenschliche Thema, also das Thema Mensch mit all seinen Freuden und Konflikten, die damit verbunden sind, den Annäherungen und Distanzen, mich persönlich am meisten bewegt. Stellen sie sich einen Tatort ohne Menschen vor. Das gibt es gar nicht. 

Jetzt neu hinzugekommen ist diese Geschichte mit den Hahnenkämpfen. Da steckt aber im Grunde genommen wieder der Mensch dahinter. Ich habe mal eine Zeit lang Diptychen gemalt, also Bildzweiteiler, als Gegenüberstellung. Ich dachte mir, jetzt will ich auch das Thema Kampf offensichtlicher mit einarbeiten. Viele Künstler greifen dann zum Beispiel auf Boxkampf zurück, auf Catchen oder womöglich auf eine Kriegsszene, wo einer mit dem MG rumballert. Aber dazu hatte ich keine Lust, das wäre mir zu platt gewesen. Und so kam ich auf diese Tiersymbolik. 

Das finde ich interessant. Solche Hahnenkämpfe in Kombination bringe ich immer mal wieder, wenn ich Ausstellungen mache. Ich präsentiere dann einen Hahnenkampf und daneben auch eine Menschenszene. 

 

Etwas leicht Beunruhigendes haben Ihre Bilder alle. Sie sind nicht gerade lieblich

 

Ja, das stimmt. Hier habe ich mal eine Serie zum Thema Tango gemacht. Zum einen ist Tango natürlich Erotik. Da kommen Pärchen zusammen, sie bewegen sich zusammen. Es gibt im Tango so ein Dreieck. Die Beine sind auseinander und bewegen sich und oben verschmelzen die Körper miteinander. Tango kann aber auch Kampf sein. Und diese Mehrdeutigkeit drückt auch meine Malweise aus. Sie ist ja nicht richtig geschönt. Das hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Ich finde es auch einfach spannend, wenn man die Spuren der Malerei sieht, den Malduktus. Der Auftrag der Farbe entwickelt ein Eigenleben. Ich bin natürlich auf der einen Seite auch Darsteller. Meine Malerei ist ja nicht vollkommen gegenstandslos, sondern ich stelle Körper, Menschen dar, und diese Ambivalenz zwischen formaler Erkennbarkeit und Auflösung finde ich interessant.

 

So wie ich male, das ist für manche schon harte Kost. Für mich ist zum Beispiel die Farbe Rot eher eine Energiefarbe, wenn andere so ein Rot sehen, dann denken sie sofort an Blut, Verletzung, Vergewaltigung ... Ich selbst interpretiere gar nicht so wüst. Ich finde es gerade spannend, wenn so ein Bild auch exemplarisch immer eine Gratwanderung zwischen Ästhetik, schöner Begegnung, und existenzialistischer Bewegung ist. Vor Kurzem habe ich ein schönes Kompliment bekommen. Da hat mir jemand gesagt, er hätte schon vor Jahren ein Bild von mir gekauft und er findet dieses Bild nie langweilig.

Er kann da immer hingucken. 

 

Ja, da tut sich immer was, da ist Leben drin.

 

Genau. Ich hatte gestern erst eine Ausstellungseröffnung in Gladbeck. Da hängt auch ein Bild, das schon ein bisschen heftiger ist. Die Szene ist etwas existenzialistisch. Ich hatte da einfach Lust, mich einmal auszutoben. Man kann da schon gewisse Aleppo-Assoziationen ziehen, obwohl ich gar nicht explizit Syrien darstellen wollte. Und dann stehen da natürlich auch manche Leute davor und sagen: „Das sind ja Zombies!“ Ich stelle eben Köpfe auf meine Art dar. Doch wie Zombies, so empfinde ich das persönlich gar nicht. 




 So weit würde ich auch nicht gehen, aber Ihre Arbeit hat schon eine aggressive Ausstrahlung. 

 

Das hat aber nichts mit meiner Person zu tun. Ich empfinde mich eigentlich, vom Lebenstypus ausgehend, unterm Strich als optimistisch. Ich sehe natürlich die fragwürdigen Dinge, die auf der Welt so passieren, je nachdem auch mal im engeren Kreis. Aber ich will die positiven Dinge in den Vordergrund stellen, wenn auch nicht naiv verblendet. Wenn ich male, dann ist das je nach Situation auch meine Art, mich auszutoben.  


"Was mich auch beschäftigt, das ist der Mensch in seiner Anonymität."


Haben Ihre Bilder denn eine politische Aussage oder drücken sie ausschließlich Ihre Emotionen aus?

 

Ich glaube, so etwas dazwischen. Also, ich will jetzt nicht unbedingt mit meinen Bildern aufklären, davon bin ich längst abgekommen. In erster Linie male ich für mich, aber jede Bewegung ist auch immer exemplarisch. Zum einen mag ich eben Tanz und Menschen in Bewegung. Dann sind sie sofort auch gesünder. Das hat etwas Ästhetisches. Aber dann spricht mich immer wieder diese Ambivalenz an, die Ambivalenz zwischen etwas Schönem, der Ästhetik, und der Vergänglichkeit. Vergänglichkeit in einer positiven Psyche, aber auch Vergänglichkeit in einer Depression. Was mich auch beschäftigt, das ist der Mensch in seiner Anonymität. Die Anonymität in unserem Alltag, in dem viele so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie gar keinen Blick mehr für andere haben und nicht mehr auf andere zugehen. Das interessiert mich.

 

Und ich muss sagen, ich entdecke mich da auch manchmal selber. Ich muss teilweise auch positiv egoistisch trennen, wo kann ich mich noch auf Menschen einlassen und wo sage ich lieber „Halt, jetzt will ich mich auch mal um mich selbst kümmern.“ Dieses Thema finde ich nach wie vor immer wieder spannend. Aber ich habe auch zwischendurch mal einen Ausflug gemacht und Baumkörper gemalt. Da habe ich die figürliche Malerei ruhen lassen. Denn mich reizen alte verknöcherte Bäume und die habe ich auch mal gemalt. Dabei war mir besonders die Stelle wichtig, wo der Hauptstamm in die ersten verzweigten Stämme übergeht. 

 

Das ist ja auch Leben.  

 

Zum einen ist das auch Leben und dann hat so ein Baum auch etwas Ruhevolles, etwas Würdevolles, etwas Kraftvolles. Man sagt ja auch: ein Kerl wie ein Baum. So ein hundertjähriger Baum hat etwas Tolles. Ich habe aber in meiner Arbeit den Rest darum getrennt und eine Art Baumkörper geschaffen, so wie eine Skulptur. Es wäre jetzt nicht mein Ding, wie Kaspar David Friedrich, deutsche Eiche zentral ins Bild zu setzen, sondern ich suche nach interessanten Ausschnitten. Ich könnte mir das fürs nächste Jahr als Intervall auch mal wieder vorstellen. Ich habe ja meinen Ausstellungskalender und muss schauen, wo ich da mal wieder solch einen Ausflug unterbringen kann. Ich weiß aber schon, mein Hauptzentralthema ist die figürliche Malerei, aber die könnte dann mal kurz ruhen, um etwas anderes zu schaffen. 

 

Aber etwas Abstand von der figürlichen Malerei wünschen Sie sich manchmal schon?

 

Es kann auch mal gut tun, locker auszubrechen. Aber einige Freunde rollen schon mit den Augen, wenn ich sage, dass ich mal wieder was anderes machen will. Sie sagen, das würde ich schon seit anderthalb Jahren behaupten. Ich könnte mir aber mittlerweile auch vorstellen, in bestimmten Intervallen sogar mal abstrakt zu malen. Das hab ich so noch nie gemacht. Vor einem halben Jahr hätte ich mir das gar nicht vorstellen können. Wie, abstrakt malen? Was mich da reizen würde, wäre die Arbeit mit Farbkontrasten. Also extreme Farbkontraste wie Dunkelblau/Gelb oder Rot/Grün. Auch jetzt arbeite ich ja viel mit Kontrasten, vor allem mit Hell-Dunkel-Kontrasten. 

 

Ich rede gerne über meine Bilder (lacht). Doch erklären will ich sie nicht. Kontraste finde ich unheimlich interessant. Allgemein im Leben. Ich finde es auch ungemein interessant, wenn Menschen kontrastreich sind. Hell und dunkel. Dies übertrage ich in meine Form des künstlerischen Ausdrucks. Es ist immer interessant, wenn das Bild umfällt von dunkel nach hell. Helle Figuren auf dunklem Grund fallen viel stärker auf. 

 

Das macht die Figuren plastischer. 

 

Ja, das macht die Sache plastischer. Und ich sehe mich manchmal wie eine Art Bildhauer in der zweiten Dimension. Ich habe Lust, dunkle Bildhintergründe zu setzen, die natürlich bewegt sind. Nicht nur einfach monochrom schwarz oder dunkel, sondern es soll da natürlich auch malerisch Leben drin sein. Ich gehe für meine Inspiration auch gerne mal ins Theater, besonders ins Tanztheater. Und da ist es ja auch interessant, wenn die Körper durch einen Spot oder durch zwei Spots angeleuchtet werden. Dann hat man auch eine Plastizität und der Hintergrund ist ziemlich dunkel. 

 

Ein Leben ohne Kunst könnten Sie sich gar nicht vorstellen? 

 

Nein. 

 

Man merkt, wie Sie in Ihrer Arbeit aufgehen. Gab es einmal einen Zeitpunkt, an dem sie dachten, das kriege ich vielleicht gar nicht hin? 

 

Also, sagen wir mal so ... (Wir setzen uns.) Ich fange mal ein wenig naiv an. Als Kind habe ich immer gerne gemalt und gebastelt und ich wollte zur See fahren. Dann habe ich auch ein paar Segelscheine gemacht, aber das mit dem Segeln ist dann gestorben. Das Gute war, meine Eltern haben sich mir nie in den Weg gestellt. Sie sagten mir nie, ich solle Wirtschaft oder Mathematik studieren, sondern haben mir meinen Weg gelassen. Ich habe dann aber nicht klassisch Kunst an einer Akademie studiert, sondern ursprünglich Grafik-Design. Weil ich eben auch dachte, ja, ich will was im kreativen Bereich machen, aber ich will auch im Kopf haben, dass ich damit Geld verdienen kann.

 

Und Kunst war mir mit 18 oder 20 Jahren zu lufttrocken. Aber ich merkte relativ schnell, wie hin- und hergerissen ich doch immer noch war, zwischen Studium und meiner freien Kunst. Zum Glück hatte ich einen Professor, der die künstlerische Schiene abdeckte. Er war anscheinend ein guter Pädagoge, jedenfalls ließ er mich frei entwickeln. Das war sehr schön. Und letztendlich habe ich mich nach Zweidrittel des Studiums doch für die Freie Kunst entschieden. Ich hatte einfach gemerkt, dass die Praxisrealität in der Werbung eigentlich nicht so mein Ding war. Schon dieser ewige Zeitdruck unter der die Präsentationen erstellt werden müssen ...

 

Als ich meine Entscheidung dann im Klassenverband mitgeteilt hatte, waren alle ganz schön irritiert, aber niemand hat mir einen Vorwurf gemacht. Ich konnte meinen Abschluss, mein Examen, also im künstlerischen Bereich machen. Und dann habe ich auch schon angefangen, meinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Das war natürlich auch schwierig, denn man braucht auch immer Jobs zur Existenzgrundlage. 

 

Nebenjobs mussten Sie am Anfang also auch machen? 

 

Ja, die mache ich auch heute noch. Also, toi, toi, toi, seit 2012, seitdem ich auf die Art Karlsruhe gehe, ist es finanziell immer mehr bergauf gegangen. Aber ich habe natürlich als Künstler immer auch Nebenjobs gemacht. Unter Künstlerkollegen und Kunsthistorikern gibt es eine These: Wenn die Künstler zur existenziellen Lebenssicherung bewusst etwas Artfremdes machen, etwas, das mit Kunst gar nichts zu tun hat, dann haben die meisten Künstler mehr Power, noch Energie in ihre Kunst reinzustecken. 

 

Ich habe zum Beispiel lange Jahre, so zehn oder zwölf Jahre, etwas ganz Verrücktes gemacht: Ich habe frühmorgens Zeitungen ausgetragen. Ich kam dabei in mehrere Reviere und kam damit gut klar. Oder in Düsseldorf, da habe ich auch mal in einer kleinen Druckerei gearbeitet. Das ging auch. Seit mehreren Jahren habe ich jetzt aber etwas Schönes. Damit kann ich mich auch gut identifizieren. Ich habe zwei Lehraufträge für Zeichnen und Gestalten an einer Hochschule für Architektur. Ich unterrichte da im Grunde genommen zeichnerische Grammatik. Da müssen die Studenten zum Beispiel ein Glas zeichnen. Wie funktioniert so ein Kreis in der perspektivischen Verkürzung? Wie funktioniert ein Kubus in der perspektivischen Verkürzung mit zwei Fluchtpunkten und so weiter. Ist schon recht angewandt. Ich habe zwischendurch auch figürliches Zeichnen dabei. Ja, das macht mir auch wirklich authentisch Spaß. 





Ich nehme an, dabei lernt man dann ja auch selber etwas? 

 

Richtig. Und ich muss ehrlich sagen, ich arbeite gerne mit den Studenten. Wenn man als Künstler eben einen Nebenjob als Standbein hat, das muss einem überhaupt nicht peinlich sein. Die allerwenigsten Künstler können allein von ihrer Kunst leben. Und dann gibt es auch immer wieder das Problem der Abhängigkeit. Da heißt es dann zum Beispiel: Also, um meine Miete zu bezahlen, muss ich mal wieder schön weich malen. So viele Künstler verformen sich da, oder werden von verschiedenen Galeristen verformt. Wenn sie sagen: Mal doch mal so und so, das können wir besser verkaufen. Die Gefahr besteht natürlich immer. Und meine Kunst ist ja nun nicht unbedingt leichte Kost. Mein Galerist sagt da immer so schön, dass sich die Leute an meiner Kunst teilen. Die einen sagen: „Hilfe, furchtbar ... das könnte ich mir ja überhaupt nicht an die Wand hängen.“ Und die anderen sagen: „Endlich mal tolle, mutige und ausdrucksstarke Kunst.“ So unterschiedlich sind die Meinungen.

 

Ich erzähl mal kurz ein Döneken: Als ich in Düsseldorf wohnte, also vor zehn Jahren, da ging es finanziell nicht so gut, unter anderem wegen der hohen Kosten in Düsseldorf. Und da hatte ich mal so einen komische Galeristen, der sagte dann zu mir: „Malen Sie doch mal kleinformatiger, malen Sie doch mal weicher und dann holen Sie sich mal ein Pornoheft und malen mal ein bisschen im Weichzeichnerstil, das lässt sich verkaufen!“ Auf so etwas habe ich keinen Bock gehabt. Ich hatte zwischendurch mal überlegt, Porträtmalerei zu machen, schön kitschig und so, parallel zu meiner freien Kunst. Aber eine professionelle Porträtmalerin sagte dann zu mir, dass man damit auch zwei Kundenkreise hätte und die Managementarbeit auch immer für beide Sparten gemacht werden muss, für meine eigene Kunst und für die Porträtmalerei auch. Ich habe mal einen Monat trainiert. Ich würde mir das schon zutrauen, aber dann habe ich es doch sein gelassen und jetzt mit diesem Job an der Hochschule Bochum ... (nickt) damit bin ich richtig zufrieden. 

 

Ich bin da ja nur Lehrbeauftragter. Das ist aber für mich in Ordnung. Ich beschreibe mal die Hierarchie in unserem Fachbereich: Da gibt es die Professoren, die richtigen Architekturprofessoren, die ihre unterschiedlichen Fächer unterrichten und je nach Umfang wissenschaftliche Mitarbeiter haben. Wissenschaftliche Mitarbeiter sind meistens halbe Stellen für zwanzig Stunden. Da wäre man aber auch richtig angestellt. Und dann gibt es die Lehrbeauftragten, die haben keine Festanstellungen, sie stehen immer wieder alle halbe Jahre zur Disposition. Ich kann mich da also nicht ausruhen. Es kann auch sein, dass mal ein Lehrauftrag gestrichen wird. Man hat mir vor zwei Jahren einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeboten. Ich hätte also innerhalb dieser Hierarchie auf der Leiter hochklettern können. Das wäre ja einerseits zur existenziellen Grundlage gut gewesen und ich habe zwei Tage überlegt und dann tatsächlich abgelehnt. Und zwar mit der Begründung, dass ich dann in diesem Fachbereich mindestens drei Tage richtig eingebunden wäre. Denn es ist ja so, dass man zwar für 19,5 Stunden bezahlt wird, aber wenn man seine Arbeit wirklich gut machen möchte und man sich in bestimmte Dinge richtig einarbeiten will, dann arbeitet man nicht 19,5 Stunden, sondern eher 30 oder sogar 35 Stunden. Und da habe ich gedacht: Wann komme ich dann noch ins Atelier? Wann male ich denn dann noch? Dann würde ich wieder unzufrieden werden. Ich hab also dieses höhere Wirtschaftsrisiko wieder in Kauf genommen. Das ist aber für mich die richtige Entscheidung! 


"Man kann immer ein Glas Wasser nehmen und sagen, das Glas ist halb voll oder das Glas ist halb leer."


Sie finanzieren sich doch hauptsächlich durch Ihre Kunst? Ihr Hauptberuf ist ja immer noch die Malerei.

 

Ja, genau. Ich bin auch in der Künstlersozialkasse. Da muss man ja angeben, dass man sein Hauptgeld durch die eigene freiberufliche Tätigkeit erzielt. Und da wäre ich dann prozentual mehr Angestellter der Firma Hochschule Bochum geworden. Das wollte ich natürlich nicht. So gehe ich nun meinen Dingen nach. Und mit meiner sogenannten künstlerischen Karriere bin ich im Grunde zufrieden. Man kann immer ein Glas Wasser nehmen und sagen, das Glas ist halb voll oder das Glas ist halb leer. Ich bin jetzt nicht die Nummer Eins der Weltrangliste in der bildenden Kunst, aber ich habe zwei gute Galeristen. Und ich wollte immer den Weg der Galerien gehen. Ich habe jetzt zwei Geschäftspartner, mit denen bin ich sehr zufrieden. Einmal der Galerist Axel Schöber (Art-isotope) in Dortmund und der Galerist Olaf Pilz (RAUMSECHS) in Düsseldorf. Meine Bilder verkaufe ich über meine Galeristen. 

 

Sie haben auch ein Förderkonzept, über das Sie monatliche Raten erhalten? 

 

Ja, momentan habe ich da wieder zwei Interessenten. Das funktioniert so: Wenn mich jemand als Künstler oder als Person glaubwürdig findet, dann überweist er mir 100, 150 oder 250 Euro monatlich auf mein Konto und dann entsteht nach einem Jahr, oder auch nach zwei Jahren, eine bestimmte Summe und von dem Guthaben kann er sich dann eines meiner Bilder aussuchen. So eine Arbeit wie hier (er zeigt auf das tanzende Paar) kostet dann so um die 5300 Euro. Das ist ja jetzt eines der ganz großen Gemälde, die kleineren sind dann natürlich gestaffelt preiswerter. Und sofort 5300 Euro zu zahlen, das tut den meisten Leuten dann doch weh. Meistens nehmen sich die Leute das Bild, in das sie sich verguckt haben, direkt mit. Dann ist das so eine Art Ratenzahlung. Davon kann ich aber natürlich nicht leben. 

 

Und wie sieht es mit Kunstmessen aus? 

 

Der Dortmunder Galerist geht mit mir auch auf Kunstmessen. Regelmäßig sind wir auf der Kunstmesse Art Karlsruhe und die ist, schon seit Jahren, nach der Art Cologne, die zweit bedeutendste Kunstmesse in Deutschland. Das ist schon ganz gut. Je nachdem, überlegen wir dann auch, andere Messen zu besuchen. Wir waren jetzt zum Beispiel auf einer etwas kleineren regionalen Messe, in der Zeche Zollverein in Essen, sie nennt sich CAR. Die ist aber nicht so gut. Oder die Art Bodensee oder Art Brüssel. Die Art Cologne ist noch eine Hausnummer höher und da zögern wir noch, da der Stand ziemlich teuer ist. Da haben meine Augen schon als Student geleuchtet, als ich auf der Art Cologne war. Da wollte ich schon damals immer mal dabei sein. Dort ist natürlich ein ganz anderer Interessentendurchlauf als in den Galerien oder Ausstellungen. So eine Messe potenziert auch immer den Bekanntheitsgrad. 

 

Die Art Cologne ist also ein Zukunftsprojekt für Sie? 

 

Ja, wenn sich mein Galerist dafür entscheiden könnte. Da muss man sich ja als Galerie auch erst einmal bewerben.



"Ein Bild ist eben fertig, wenn es fertig ist. "


Was sind grundsätzlich Ihre Ziele für die nähere Zukunft? 

 

Ich hätte gerne noch zwei weitere Galerien. Nebenbei stelle ich natürlich noch bei kleineren Galerien aus, z.B. in Duisburg oder in Kühlungsborn an der Ostsee. Am liebsten hätte ich eine feste Galerie in Holland oder Belgien, dort leben Menschen, die der Kunst gegenüber sehr aufgeschlossen sind, und eine in Süddeutschland. Da knüpfe ich gerade Kontakte. Man muss natürlich auch immer wieder berücksichtigen, wie viel Output ich habe. Ein Bild ist eben fertig, wenn es fertig ist. Ich kann nicht innerhalb von zwei Monaten zehn gute Bilder für eine Ausstellung aus dem Ärmel schütteln. Da besteht also die Gefahr, dass ich nicht alle Galerien bedienen könnte und dann die Qualität den Bach runter geht. Diesen Fehler machen viele Künstler. 

 

Ein neuer Katalog ist auch noch in Arbeit. Also in meiner Zukunftsvision möchte ich einfach noch so weiter machen wie bisher, sowohl in meiner Karriere, als auch überhaupt in meiner Malerei. 

 

Möchten Sie denn in Wuppertal bleiben? 

 

Ich gucke persönlich nur zwei bis drei Jahre in die Zukunft und da möchte ich erst einmal in Wuppertal bleiben.

Was in zehn oder zwanzig Jahren ist, kann ich gar nicht abschätzen. Ich habe so für mich gemerkt: Wuppertal ist meine Stadt. Ursprünglich komme ich ja aus einem kleinen Kaff im Ruhrgebiet und ich dachte lange Zeit,

hier versauere ich. Und dann bin ich mit meiner damaligen Freundin nach Düsseldorf gezogen. Das war das andere Extrem. Das war eine gute Zeit, war mir aber von den Kosten zu hoch. Ich habe keine Lust, für die Miete zu leben. Ich habe hier 140 Quadratmeter inklusive Privatbereich, aber in Düsseldorf könnte ich mir für das Geld nur ein viel kleineres Atelier leisten. Hier kann ich atmen! Wuppertal ist meine Stadt. Düsseldorf oder Köln haben sicherlich mehr zu bieten, aber Wuppertal ist auch kein hinterwäldlerisches Kaff. Ich fühle mich hier richtig wohl. Die Nordbahntrasse ist toll und auch die alte Bausubstanz hier. Die Luisenstraße ist ganz schön. In Düsseldorf war ich damals gerne in der Blende oder im Café Knülle, das war auch immer schön. Aber es ist hier in Ordnung. 

 

An der WOGA haben Sie ja auch schon einige Male teilgenommen. 

 

Sechs oder sieben Mal. Man hat mich zwar manchmal gefragt, ob ich das nötig habe, mich auch mit den Hobbymalern zusammen zu präsentieren, aber ich bin da ganz offen. Es ergeben sich da auch ganz nette Gespräche. Die Klientel bei der WOGA ist eine andere als beispielsweise bei den Düsseldorfer Kunstpunkten. Hier verkauft man nicht viel, doch es ist auch schon mal vorgekommen. Aber das bewerte ich nicht. Ich mach ja mindestens vier bis sechs Ausstellungen im Jahr und die WOGA bewerte ich da nicht zu hoch. Dafür mache ich keine eigenen Bilder. Es macht einfach Spaß. Und ich denke, dass ich bei der WOGA immer wieder mitmachen möchte.  

 

Der Spaß ist Ihnen wichtiger als die Karriere?

 

Ich habe schon viele verhärmte Künstler kennen gelernt, die sich eine große Karriere erträumt haben, die dann nicht eingetroffen ist. Die laufen dann nur noch gefrustet herum. So will ich nicht sein. Natürlich würde ich nicht nein sagen, wenn ein großer Kunstkritiker käme und mich pushen würde, aber die Hauptsache ist für mich, dass ich Spaß an meiner Kunst habe. Ich mag an mir, dass ich mich nicht so verrückt mache. Ich habe keinen übertrieben abgehobenen Traum. Ich habe einfach Lust, weiter zu machen. 

 

Ich bin ja nicht der einzige, der figurativ malt. Zum Beispiel Neo Rauch, der hat es in dem Bereich geschafft. Vielleicht komme ich auch einmal dazu, so eine Karriere zu machen. Aber ich will auch nicht am Kunstmarkt verbrennen. Manche Maler werden so gehypt, dass die Preise künstlich nach oben getrieben werden und werden dann nach zwei oder drei Jahren wieder fallen gelassen. 

 

Wie werden denn die Preise gemacht?

 

Das ist recht kompliziert. Man kann ja nicht sagen, dass ein Quadratmeter Eberhard Bitter so und soviel kostet. Man berechnet ein Bild aber wirklich nach Höhe plus Breite mal Multiplikator. Und dieser Multiplikator errechnet sich nach folgenden Kriterien: Kommt der Maler zum Beispiel von einer staatlich anerkannten Kunstakademie? Bei welchem prominenten Professor hat er gelernt? Hat er schon Kunstpreise gewonnen? Hat er Stipendien bekommen? Und so weiter ... So wird im Laufe der Zeit ein Multiplikator errechnet. Dieses Verfahren ist jedoch stark umstritten. Es gibt ein Niedrigpreissegment von etwa 1000 – 8000 Euro, ein mittleres Preissegment von 8000 – 60.000 Euro und das Hochpreissegment ab 60.000 Euro.

 

Alles sehr umstritten. Wenn man nun in ein höheres Preissegment wechseln will, hat man unter Umständen das Problem, keine Bilder mehr zu verkaufen und die Preise wieder zu senken ist dann meist recht peinlich. Um im mittleren Preissegment verkaufen zu können, muss man auch schon einen Namen haben und Eberhard Bitter ist noch lange nicht jedem geläufig. Darum hebe ich meine Preise immer nur sehr leicht an. Preisfindung in der bildenden Kunst ist schwierig und hat mit normaler Logik nichts zu tun. Darum möchte ich lieber auf dem Teppich bleiben. 

 

Haben Sie denn noch ein Leben neben der Kunst? 

 

Kunst ist mein Leben, meine Berufung. Aber es ist auch mal wichtig zu sagen: „Jetzt interessiert mich Kunst einen Scheißdreck.“ Damit man nicht immer so im eigenen Saft schmort. Dann genießt man das Privatleben und trifft sich mit Freunden. Es ist auch mal gut, gar nicht über Kunst zu reden, sondern über ganz andere Sachen. Ich bewege mich gerne. Ich wandere ganz gerne, auch mit Leuten. Raus in die Natur. Und dann freut man sich umso mehr, wieder ins Atelier zu kommen. #

 

Zur Person

Eberhard Bitter - Jahrgang 1960 - geboren in Wanne- Eickel - Ausbildung als Buchbinder - Studium der Malerei an  der Fachhochschule Dortmund - seit 1987 als freischaffender Künstler tätig - seit 2007 Lehrauftrag für Freihandzeichnung an der Universität Bochum - lebt und arbeitet in Wuppertal  

 

www.eberhard-bitter.de


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Kommentare: 1
  • #1

    Helene (Freitag, 09 Februar 2018 14:42)

    Echt coole Bilder! Nice ... :-)

gehypt und gestrandet - Interviewmagazin


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