"Man muss sich mal aufs Wesentliche besinnen."

 

Peter Jaschinski und die Liebe zur Alchemie.

Seit zwanzig Jahren malt und werkelt Peter Jaschinski in seinem Hinterhof-Atelier in Heckinghausen. Inspiriert durch die Bekanntschaft zum Wuppertaler Maler Gerd Hanebeck, hat er schon früh zur abstrakten Malerei gefunden. Das Thema Mensch und Natur zieht sich dabei stets durch sein Werk, ebenso wie die Faszination an der Alchemie. Acryl ist sein bevorzugtes Medium.
Aktuell beschäftigt er sich gerade mit einer Serie zum Thema „Alice im Wunderland“.

Herr Jaschinski, Sie haben vor einem Jahr Ihren Job gekündigt, wie kam es dazu?  

 

Peter Jaschinski: Aus vielen Gründen. Manchmal passen Dinge einfach nicht zusammen und die eigene Vorstellung nicht zum Unternehmen.  

 

Wo waren Sie denn beschäftigt?

 

Ich war hier in Wuppertal bei einem großen Handelskonzern beschäftigt. Dort war ich Führungskraft im Bereich Druckererzeugnisse und hatte ein Team von 20 Leuten, unter anderem Designer, Einkäufer, Projektmanager. Davor war ich bei Amerikanern. Das war ganz lustig. Ich mag solche Konzerne, weil man da weltweit mit Designern zusammenarbeitet. Das hat Spaß gemacht und ich habe gute Kontakte geknüpft. 

 

Kann man denn von der Kunst leben? Geht das überhaupt?   

 

Nee, das wäre mir auch neu. Selbst die „Angesagten“ haben ja irgendeine Professur in Düsseldorf oder sonst wo … Viele retten sich in diese Ecke. Ich habe vor Kurzem das Buch von Beltracci gelesen, das war interessant. Das ist der Kunstfälscher, den sie verknackt haben. Der hat zwar immer gefälscht, aber er kannte es nicht anders. Er konnte zwar super malen, dachte aber von Kindesbeinen an nie, dass er was Falsches macht … Er ist mit einem Vater aufgewachsen, der Kunst restauriert hat. Ergo war das Kopieren für ihn was „Normales“. Der sprach das mal deutlich aus: „Selbst die Leute, die meinen, sie könnten von der Kunst leben, sind letztendlich doch irgendwo abhängig.“ Das sind sie alle. Nein, ich kenne da also niemanden, der das kann. Ich glaube, das ist alles äußerst schwierig. Es läuft phasenweise immer mal super und dann wieder nicht ... Deswegen find ich Ihren Titel so gut: „Gehypt und gestrandet“. 

 

Wir wollen das Auf und Ab im Leben zeigen. 

 

Ja, manchmal rennen einem die Leute die Bude ein … Bei mir war das immer so, wenn Filme wie „Illuminati“ oder Harry Potters „Der Stein der Weisen“ rauskam. Dann waren die Leute alle infiziert mit mystischen Sachen. Auch die Alchemie ist dann plötzlich total spannend ... und dann flacht das wieder ab. Wobei mir das ja eigentlich ziemlich wurscht ist, weil ich das nicht aufgrund eines Trends mache. Ich habe mir da so meine eigene Philosophie gebastelt und die ist im Laufe der Jahre auch gewachsen. 

 

Seit wann arbeiten Sie denn hier? 

 

Ich bin jetzt zwanzig Jahre hier in den Räumen. Schnuckelig klein. Hier drunter ist noch ein Raum, da arbeite ich. Hier oben ist der Platz zum Munkeln und Verkaufen, zum Nachdenken (lacht), … was auch immer. 

Wenn ich so zurückdenke: In jungen Jahren, da hätte man unheimlich viele Möglichkeiten gehabt. Aber ich wollte mich auch nicht in irgendwelche Abhängigkeiten bringen. Mit 25 habe ich gedacht, ich werde der beste Künstler der Welt, ohne dass ich irgendjemanden dafür brauche. Aber das ist nicht wahr. Man braucht da ganz viele Leute, aber man muss die Kontakte auch alle pflegen. 

 

Zum Beispiel Unterstützer? 

 

Ja, die auch. Vor meiner Selbstständigkeit hatte ich viele erfolgreiche Ausstellungen und da haben mir viele gesagt: „Nun geht es los!“ Aber dann habe ich meine Agentur eröffnet und innerhalb dieser Zeit kaum im Atelier gearbeitet.  

 

Wann war das mit der Agentur? 

 

Das war 2010. Direkt hier im Hochhaus „Glanzstoff“, jetzt heißt das „Teijin“, in Elberfeld. Da war ich vorher angestellt und habe die Abteilung mit aufgebaut und dann wollten die das alles outsourcen. Die Alternative dazu war die Selbstständigkeit. So wurde die Agentur gegründet, die mit einem Webdesigner und einem Modedesigner erfolgreich angelaufen ist. Leider war hier nach fünf Jahren Schluss, nachdem man hinter seinem Geld herlaufen musste (lacht). Auch gut ...




Haben Sie denn vorher studiert oder eine Ausbildung gemacht?  

 

Ich wurde 1964 geboren und da lief das alles noch ein bisschen anders. Ich habe nichts studiert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Lust mehr auf Schule und habe eine handwerkliche Ausbildung begonnen und abgeschlossen. Ich habe allerdings dann weitere Schulabschlüsse auf der Abendschule nachgeholt. Die Versetzung erfolgte intern vom Unternehmen. Es war ein Angebot, weil man dachte, es wäre passender für meine künstlerische Ausrichtung. So kam ich in eine hausinterne Druckerei im Stile der 50er. Mein damaliger Vorgesetzter und Mentor hat mich dort stark gefördert, so dass ich meine Talente entwickeln konnte und den Bereich zu einem modernen Dienstleistungsbereich aufbauen konnte, nachdem sich die Personalstruktur verändert hatte. In meinen Mittagspausen konnte ich viel von den kreativen Freunden, die im Umkreis der Luisenstraße gelebt und gearbeitet haben, lernen. So habe ich meine Mittagspausen im Café du Congo verbracht und die gängigen DTP-Programme erlernt. Nach einem Jahr lief die Abteilung und hat in den kommenden Jahren sehr gute interne Umsätze abgeworfen. Es war eine große Herausforderung und eine Chance, die ich genutzt habe.


"Im Grunde guck‘ ich nicht nach rechts und links"


Gegen das Kunststudium habe ich mich damals entschieden, nachdem ich mal als Gasthörer bei Markus Lüpertz in seiner Klasse war. Da habe ich festgestellt, dass ich das nicht will. Weil ich auch dort die Leute doof fand und die Regeln, die da so herrschten. Man durfte sich da auf keinen Tisch setzen und Kleiderordnung gab es, glaube ich, auch noch. Und so wie er, wollte ich auch nicht malen. Aber mein Mäppchen hatte ich trotzdem dort abgegeben.  

Ich kannte damals hier so ein paar Wuppertaler Künstler. Ich kenne deutlich ältere als jüngere Künstler. Weil mich meine damaligen Altersgenossen nicht so interessiert haben, daher kenne ich eher so die alte Riege. Einer meiner Mentoren, Gerd Hanebeck (Maler, Grafiker und Objektkünstler, *1939), hat mir damals gesagt: „Du hattest bereits deine erste Ausstellung, deine Mappe ist top, aber das wollen die gar nicht. Auf der Akademie möchte man dein Potenzial erkennen und somit auch die Formbarkeit sehen. Und dann wollen die aus dir was Bestimmtes machen.“ Aber das wollte ich nicht. Ich wollte meinen eigenen Kram machen. „Ja, dann mach einfach weiter. Studiere nicht. Mach deine Arbeit!“, hat er dann zu mir gesagt. Und das habe ich dann gemacht. Das mach‘ ich auch heute noch. Im Grunde guck‘ ich nicht nach rechts und links. 

 

Es ist sicher anstrengend, beides zur selben Zeit zu machen: den Job und die Kunst.  

 

Ich kenne nichts anderes. Ich mach‘ das schon mein Leben lang. Aber gerade hab ich ja mal die Zeit dazu … Jetzt kann ich mal ein bisschen mehr werkeln. Ja, das ist sehr ungewöhnlich. 

 

Wie lange schon? 

 

Seit einem Jahr. Es ist etwas befremdlich, täglich im Atelier zu stehen. Etwas, das man sich immer wünscht, aber wenn man es dann kann, dann stellt man fest: Es ist ein seltsames Gefühl, kreativ und frei zu arbeiten, Tag für Tag.

 

Was sind das dort für Werke? 

 

Die hier stehen … diese Alice-im-Wunderland-Werke. Meine Tochter hat sich das gewünscht. Ich sollte ihr ein Bild malen, schon vor zwei Jahren. Und dann habe ich das irgendwann auch gemacht und daraufhin haben alle gesagt: „Oh, wie schön.“ Jetzt bin ich dabei, mal alle Charaktere zu malen und das ist schon wie ein Zwang geworden.

 

Nach Vorlage oder aus dem Kopf? 

 

Aus dem Kopf. Jaja … sicherlich hab ich den Film von Tim Burton gesehen … aber es ist aus dem Kopf. Das Drumherum ist halt meins. Also, wenn ich spazieren gehe oder in den Wald gehe, dann sehe ich was und kann das später im Kopf abrufen. Ich habe auch früher mal unterrichtet, fünf Jahre lang. Kurse mit bis zu zehn Leuten, zum Thema Kreativität. Das Sehen, das fehlt den meisten, die sehen einfach keine Sachen. Durch Struktur kann man das Gesehene abspeichern und später abrufen. Je mehr man sieht, desto mehr kann ich ja aus dem Pool des Gesehenen schöpfen. Wir sind in dem Kurs auch spazieren gegangen. 

Man muss ja auch erst einmal lernen, wirklich aufmerksam zu sein. Bei mir ist das mittlerweile so, dass ich alles mitnehme. Scheint die Sonne in den Raum und ich sehe es, dann speichere ich das sofort ab. Andere machen Skizzenbücher, was eigentlich nicht doof ist, aber mir reicht das. Ich speichere das im Kopf ab.

 

Die Alchemie ist eines Ihrer wichtigsten Themen, oder?

 

Das war in den letzten Jahren so. Meine erste Ausstellung galt dem Thema Bäume. Die Baumstämme waren alle rot, kaputt und zerklüftet. Das hatte auch einen Grund, da wir ja nicht sehr pfleglich mit unserer Umwelt umgegangen sind. Sozusagen der Ist-Zustand der Bäume: kranke Bäume. Da wollte ich kein Mahner sein, sondern einfach nur zeigen, wie es ist. Das ging dann weiter mit dem „grünen Punkt“.

Der sorgt ja für viel Umsatz und verschiebt eigentlich das Problem nur in andere Länder. Ich habe dann McDonald´s-Tüten und Cola-Dosen und diese Ringe gesammelt und mit auf die Leinwand gepappt. Also, eigentlich den Kram, der um uns herumliegt, diese ganze Umweltverschmutzung. Das habe ich in die Kunst eingebaut und da haben sich die Leute auf einer Ausstellung damals auch sehr drüber aufgeregt. 

 

Dann ging‘s weiter: Mensch und Natur war ein Thema. Und irgendwann, logischerweise, kommt man dann auch zum Ursprung. Wer hat sich denn früher schon mit den Naturwissenschaften beschäftigt? Und so kam ich dann zu den Alchemisten. Die fand ich spannend, bis heute noch. Ich finde die immer noch toll, nicht, weil die irgendwas auf die Reihe gekriegt haben, das haben sie auch nicht. Sie haben auch kein Gold gesucht, sondern eigentlich haben sie eher nach Erkenntnis gesucht, schon damals. Und das fand ich spannend. Und ich fand die Symbolik toll. Ich habe viele Bücher gelesen. Ich nehme mir da so die Sachen raus und baue die in meine Arbeiten ein, mehr nicht.

 

Was sind das zum Beispiel für Symbole? 

 

Das sind alchemistische Symbole. Diese drei da (Er zeigt auf ein Gemälde.) sind zum Beispiel die drei philosophischen Grundelemente: Salz, Schwefel und Quecksilber. Die gibt’s natürlich auch als Stoffe und Planeten, außer dem Salz. Rechts der Merkurius, in der Mitte Sulfur und das vorne ist Salz. Merkurius fand ich schon immer toll als Symbol. 

 

Ihre Farben drücken dabei auch schon so eine Naturverbundenheit aus. 

 

Ja, ich male auch viel in Erdfarben, das stimmt. Dann kam aber auch mal der völlige Verzicht auf Symbolik. Ich habe ja auch mal eine Zeit nur Steine und Mauern gemalt. Dann hat man mich oft gefragt: „Was ist los, mauerst du dich jetzt ein?“ (lacht) Das ist immer so herrlich! Nein, ich hatte da einfach Lust, Mauern und Steine zu malen. Aber das hat auch wieder was mit Alchemie zu tun. Weil genau das war der Ansatzpunkt. Man sucht ja immer etwas … Die Alchemisten haben auch gesucht, sie haben Feststoffe gesucht und destilliert. Eigentlich hat man immer irgendwo nach dem Sinn oder der tieferen Bedeutung gesucht. Das hab ich so für mich aufgenommen. Es ist aber schwierig, das anderen Menschen zu erklären.


"Jeder sucht etwas."


Und was suchen Sie mit Ihren Bildern?  

 

Jeder sucht etwas. Entweder sucht er seinen Sinn des Lebens. Oder er sucht den Sinn in dem, was er macht. Aber wenn er den gefunden hat, kann er aufhören, sonst käme da ja nix mehr ... Aber man entwickelt sich ja auch immer weiter. Also ich hoffe, das bleibt bei mir auch so. Sobald ich das da aus dem Kopf habe (Er zeigt auf die Alice-im-Wunderland-Gemälde.), werde ich mich mal von der Alchemie lösen und etwas Neues machen. Dann geht’s bei mir in eine andere Richtung und ich werde mich mit Wikingern und Nordgermanen beschäftigen. 

 

Das sind dann ja auch symbolische Sachen, eben Runen, oder? 

 

Ich hatte mich schon mal vor einiger Zeit mit Runen beschäftigt und dann haben mir irgendwelche Leute gesagt, dass ich lieber die Finger davon lassen sollte, von wegen Naziregime usw., aber das ist auch wieder Schwachsinn. Das sind ja alles Kulturen gewesen. Aber die Symbolik ist mir in dem Fall auch gar nicht so wichtig, mir sind da ganz andere Sachen wichtig. Witzigerweise habe ich die Sachen auch alle schon im Kopf. Die Farbgebung ist mir wichtig, verwischte Farben … Das hat auch wieder viel mit Meer zu tun, also: Wasser, schroffe Natur, Wind … Im Grunde wieder: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Alles wird blau, auch grau, also kalt, nicht mehr warm. Da geht’s so hin. Mal schauen, was wird ... 

 

Aber definitiv waren die Wikinger auch ein sehr einnehmendes Volk. Die haben auch nicht so rumgefackelt, sondern wenn die irgendwo hinwollten, dann haben die schon mal England erobert, auch mit relativ viel Blut. Da weiß ich noch nicht genau, wie ich das integrieren soll, ohne die übliche Symbolik zu verwenden. 

Eine Sprache zu finden, die den Charakter der Leute zeigt oder die Ideologie der Wikinger zu finden, ohne die übliche Symbolik zu zeichnen, das braucht Zeit. Aber ich habe ja erst jetzt im Sommer damit angefangen. 

Zur Zeit versuche ich meine Wunderlandbildchen zu ver-markten. Die werden gerade professionell abfotografiert und reproduziert. Ich habe noch gar keinen Preis im Kopf. Ganz schön viel Arbeit. Vier Wochen sitze ich da so an einem Bild. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich das kann. Nachdem ich so lange abstrakt gemalt habe, war das eine echte Herausforderung. 

 

Wie teuer wäre dann so ein Kunstdruck? 

 

Bei den Drucken weiß ich es. 35 Euro pro Druck in DIN A3. Das ist, denke ich mal, erschwinglich. Das läuft dann über eine Druckerei hier in Wuppertal. Für die Originale habe ich allerdings noch keine Preisvorstellung.

Marketing ist das A und O welches viele Künstler nicht so drauf haben. Ich habe einen neuen Internetauftritt und einen super Onlineshop. Da ich meine Arbeiten immer digitalisiert habe, liegt es nahe, diese auch als gedruckte Erzeugnisse zu vermarkten.

 

Haben Sie noch weitere Ideen für die Zukunft? Hehre Ziele? 

 

Puh, hehre Ziele … das ist interessant. Klar, in jungen Jahren denkt man an sowas, aber mit den Jahren merkt man, dass es nur eine Handvoll Künstler schafft. Es ist ein Spiel. Ich habe mal einen Galeristen gefragt, wie das so läuft. Der hat mir dann erklärt: „Ich habe einen Pool an jungen Künstlern, von denen ich glaube, dass da was draus werden könnte. Und ich habe eine große Sammlung an alten Meistern. Wenn sich die Museen jetzt die alten Meister leihen, dann wird ein Deal gemacht und die neuen Künstler gleich mit ausgestellt. Bei diesen Ausstellungen wird dann „wild gepunktet“, irgendwelche Leute kaufen die Bilder, die dann im Keller verschwinden. Und irgendwie schaffen es dann zwei von zehn Künstlern, weiterzukommen. Manche Künstler verstehen ja selber nicht, warum ihre Werke so teuer verkauft werden. Das ist fernab von Gut und Böse ... 

 

Arbeiten Sie mit Galerien zusammen

 

Nein. Ich wollte mich früher nie in so einen Kunstbetrieb schubsen lassen. Heute sehe ich das allerdings anders und wäre froh, wenn ich einen guten Galeristen hätte.

 

Machen Sie denn anderweitig Ausstellungen? 

 

Nein, in letzter Zeit wenig. Da habe ich mich nicht mehr so drum gekümmert. Das ist ein großer Fehler. Aber wenn man beruflich zugange ist und einen Vertrag unterschrieben hat, dann kann man auch nicht sagen: „Ich muss mich jetzt um meine Kunst kümmern.“ Dann sagen die auch „Tschüss“!


 Jetzt muss ich mir erst sagen: „Ich darf das jetzt!“


Ich war beruflich oft unterwegs, habe viel gelernt und war im Laufe der Jahre als Spezialist im Bereich Offset und Digitaldruck tätig. Ich habe auch viele Seminare zu dem Thema gehalten.

Jetzt bin ich gerade etwas über 50, also 51, und denke mir, so eine Auszeit hätte ich schon viel eher machen sollen. Aber ich habe mein Leben lang gearbeitet. Jetzt muss ich mir erst sagen: „Ich darf das jetzt!“ Das ist zwar Kunst, aber die macht sich ja auch nicht von selbst und nach sieben oder acht Stunden ist das auch anstrengend. Aber trotzdem hat man ein schlechtes Gewissen.

 

Und von der Kunst zu lassen, stand das nie zur Debatte?

 

Nein. Und die Kunst brauchte ich auch immer. Sport brauche ich auch. Wir haben vor zwei oder drei Jahren entschieden, bei den High Land Games in Wuppertal auf der Bundeshöhe teilzunehmen. Im letzten Jahr haben wir den ersten Platz der Amateure errungen und den sechsten in der Landesmeisterschaftswertung. Somit ist es nur noch möglich bei den Profis zu starten.

 

Das heißt, dieses Jahr geht es wieder los? 

 

Nein, jedenfalls nicht als Aktiver. Da laufen sonst nur 30-Jährige rum. Baumstämme werfen, Steine weit werfen, Sandsäcke hochheben, mit einer Mistgabel werfen ...  Dafür braucht man auch ein bisschen Vorbereitung, das kann man nicht mal eben so machen und dafür habe ich dieses Jahr nicht die Zeit.

 

Zeit ist immer knapp. 

 

Der Tag ist immer zu kurz, da gebe ich Ihnen recht. Ich habe ja auch eine Familie mit zwei Kindern. Die sind aber inzwischen groß und studieren beide. Das ist schon mal gut. Die haben mich damals auch selten gesehen. Aber ich habe wohl eine Dauerpräsenz gehabt, auch wenn ich nicht da war. Das habe ich mir sagen lassen. 





Machen Ihre Kinder auch etwas mit Kunst? 

 

Mein Sohn studiert Medienkulturwissenschaften und englische Literatur in Köln. Meine Tochter studiert in Bochum Physiotherapie und hat mit Malerei nichts am Hut. Und mein Sohn zeichnet. Aber der zeichnet so richtig abgefahrenes Zeug. Aber passend für die heutige Zeit. Er fängt jetzt auch an, Sachen auf T-Shirts und in die Clubkultur zu bringen und interessiert sich unfassbar für Kunst, die für mich neu und anders ist. Aber meinen Kindern habe ich immer gesagt: „Du kannst alles machen, wenn dein Herz für etwas brennt! Du wirst dich nur ärgern, wenn du es nicht gemacht oder wenigstens probiert hast.“ 

 

So bleibt die Kreativität ja in der Familie. 

 

Mein Sohn war früher viel hier mit im Atelier, weil ich abends und nachts und am Wochenende hier war. Klar, in der Woche musste ich arbeiten. Die Kinder durften mich dann eine Stunde lang ausfragen und mitmachen und dann war gut. Meine Tochter war als Kind sehr produktiv und hat Bilder im Sekundentakt gemalt. Das war dann eher Betreuung für mich, aber irgendwann war ich dann auch genervt. Aber das haben die verstanden. Ich glaube nicht, dass sie ein Manko hatten (lacht). 

 

Wuppertal als Standort haben Sie nie in Frage gestellt? 

 

Den stelle ich überhaupt nicht in Frage. Definitiv nicht.


"In jedem Bild steckt viel Energie drin."



Gibt es irgendwelche Bilder, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

 

In jedem Bild steckt viel Energie drin. Aber irgendwann wird es fertig. Und wenn dann die Signatur drunter steht, dann steht es nur noch so hier rum und wird sozusagen zur Ware. Und dann würde ich es gerne einfach nur verkaufen, weil einem dann schon wieder neue Ideen im Kopf rumgeistern. 

 

Verkaufen Sie denn gut? 

 

Ich hatte früher eine Menge Käufer, aber auch die haben die Bude irgendwann mal voll und haben keinen Platz mehr. Ein Kunstsammler aus Essen hat zum Beispiel mal im Internet ein Bild von mir gesehen und gesagt, ich solle mal vorbei kommen und es mitbringen. Da kam ich dann so in die Bude und da hingen dann Bilder von Helmut Newton, Uecker, Beuys … und da war eine freie Fläche und da hat er gesagt: „Da kommen Sie hin.“ 

Aber ich muss auch sagen, ich habe mich da bisher auch nicht so richtig drum gekümmert. Dennoch muss ich meine Miete und die Materialien bezahlen und natürlich ist es ein Wunsch, mit meiner Kunst auch meinen Lebensunterhalt zu verdienen ...

 

Was kosten ihre Bilder denn so? 

 

Die Preise für meine Bilder habe ich hier in einer Preisliste festgelegt. Sie richten sich nach der Größe. Da ich unterschiedliche Arbeiten habe, zum Beispiel auf Leinwand, Holz oder Papier, sind diese auch auf die Formate abgestimmt. Besuchern im Atelier gebe ich hier gerne Einblicke. Und es gibt auch immer mal wieder einen Nachlass, wenn das Interesse sehr groß ist, aber das Konto gerade nicht. 

 

Bei der WOGA machen Sie auch immer mit?

 

Immer. Ja, von Anfang an. Da sind manch‘ skurrile Leute dabei. Letztes Jahr hatte ich hier so einen Klavierspieler, das war eine Type. Ein Franzose, der lange in New York gelebt hat. Solche Begegnungen finde ich spannend. Ab und zu kommt Steffen Schneider (Initiator der WOGA) auch mal reingeschneit, den kenne ich ja nun auch schon ewig. Der ist auch so ein Urgestein. Er hatte ja auch damals die Galerie von Hans-Peter Nacke übernommen.  

 

War Gerd Hanebeck für Ihre Entwicklung eine wichtige Person?

 

Der Hanebeck hat mir zwar nicht direkt das Malen beigebracht … Also, im Haus der Jugend habe ich damals bei Ausstellungen seine Bilder von der Wand genommen. Da war ich so 23 und habe mich gefragt: Wie macht der das? Und irgendwann lief der mir dann auf einer Abendschule über den Weg und ich habe ihn angesprochen und gefragt, ob ich mal vorbeikommen und mein Mäppchen zeigen könne. So fing das an. Und dann war ich bei ihm und er sagte nur: „Mensch, kannst du schön malen! Echt toll. Sauber, ordentlich, top … Aber das willst du gar nicht wirklich, oder? Was genau suchst du denn?“ Nein, das wollte ich nämlich gar nicht. Ich hatte eigentlich Bock auf abstrakte Malerei, aber ich wusste nicht wie.  

 

Ja, alle denken immer, dass das so einfach wäre mit der abstrakten Malerei. Aber ich habe ja auch einen Anspruch, ich will ja auch eine Thematik verarbeiten. Und durch die realistische Malerei war ich es gewöhnt, das Bild im Auge zu behalten und ich wusste nicht, wie ich abstrakt anfangen sollte und wo dann das Bild den Halt hat. 

„Ja, ich seh‘ schon, das werden wir jetzt so an dem Abend nicht gelöst kriegen. Komm‘ doch nächste Woche nochmal vorbei ...“, sagte Hanebeck da. Und daraus wurde ein wöchentliches Treffen im „Hayat“, in seinem Atelier oder in seinem Haus. Um mich herum waren Künstler, die aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen erzählt haben und deren „wilde Zeiten“ noch lange nicht vorbei waren.

 

Und das war dann im Prinzip meine Lehre in Sachen Malerei. Hanebeck war dann auch später mein Trauzeuge. Was er mir vermittelt hat, war nicht die Malerei. Aber er gab mir einen Schubs in die richtige Richtung. Der Leitsatz von ihm war: „Ach, mit dem Ruhm und der Knete, das ist doch alles unwichtig. Du willst malen? Dann mach‘ deinen Kram, mach‘ deine Arbeit, schau nicht nach links und rechts und schiele nicht nach den Großen: Mach‘ deine Arbeit!“ Und das ist ein Leitsatz für mich geworden, bis heute.  

 

Das „Wie“ in der abstrakten Kunst kam bei mir einfach durch den Austausch mit anderen, meist älteren Künstlern zustande. Auch mit Peter Brötzmann (Jazzmusiker, *1941) und Peter Kowald (Musiker und Kunstsammler, *1944/ †2001). Kowald hat mal ein Bild von mir kaputt gemacht. Er hat es hier abgeholt, es hing dann im Café Du Congo und dann ist ihm das runtergefallen. Aber er hat es repariert: Mit Ketchup! Es war ja so in Erdfarben gemalt … das passte ja einfach. Witzig. (lacht) 

 

Und jetzt steht die Kunst wieder für dich im Vordergrund? 

 

Zur Zeit ja. Dafür ist gerade der richtige Zeitpunkt. Ich habe alles, was ich brauche und die Kinder sind groß, die machen ihr eigenes Ding. Man muss sich mal aufs Wesentliche besinnen. Ich habe jetzt auch angefangen Brot zu backen. Das mache ich konsequent seit einem Jahr und das macht Spaß. Zeit ist wichtiger als Geld. Es hat ja auch damit zu tun, die Kleinigkeiten im Leben wieder schätzen zu lernen. Das Einfache ist wichtig. #

 

 

Zur Person

Peter Jaschinski - Jahrgang 1964 - geboren in Wuppertal- Heckinghausen -  seit 26 Jahren freier Maler  -  von 2001-2005 Agenturinhaber -  Kaufmann und Produktioner im Bereich Drucktechnik -  zwei Kinder -  lebt und arbeitet in Wuppertal  

 

www.peter-jaschinski.de 


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gehypt und gestrandet - Interviewmagazin


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