"In meinen Arbeiten kommen meine Gedanken zum Stillstand."

 

Nele Waldert verzaubert mit eindrucksvollen Plastiken.

Die Skulpturen und Plastiken von Nele Waldert zeugen von einem fundierten, handwerklichen Verständnis. Virtuos verbindet sie traditionelle Handwerkstechniken mit zeitgenössischer Kunst. Nach der bildhauerischen Ausbildung in Graz, studierte die, 1964 geborene Düsseldorferin in München und an der Kunstakademie in Düsseldorf, als Meisterschülerin von Fritz Schwegler.

In ihren Arbeiten begegnen uns wundersame Traumwesen, die uns vertraut und zugleich fremd vorkommen. Dabei spielt sie mit den unterschiedlichsten Materialien, die ihr unter die Finger kommen. Gerne bedient sie sich dabei auch aus der Natur.

 

Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Ja, wie kommt man zur Kunst. Ich glaube, man wird damit geboren. Das kristallisiert sich dann einfach raus, dass man da nicht drum herum kommt, Künstler zu werden, so sehe ich das. So eine Begabung hat sich bei mir schon früh gezeigt. Ich habe zwar am Anfang eher eine kunsthandwerkliche Richtung eingeschlagen. Theaterplastik. Aber es hat sich dann sehr schnell in einem Praktikum, das ich dort gemacht habe, herausgestellt, dass ich viel lieber freier denke und einen anderen Weg gehen muss.

 

Und warum gerade Bildhauerei?

Weil ich ein plastischer Mensch bin. Ich denke plastisch. Das war schon immer so. Ich habe auch als Kind schon eher dreidimensional gebastelt, als dass ich gezeichnet hätte.

 


"Material hat nicht nur eine eigene Farbe, sondern auch eine Temperatur und eine Form …"


Welche Materialien bevorzugst Du?

Ich nutze die Materialien wie Farbe. Wie eine dreidimensionale Farbe, so muss man sich das vorstellen.

Material hat nicht nur eine eigene Farbe, sondern auch eine Temperatur und eine Form und aus seiner Geschichte heraus auch eine Information, die ich in meinen Skulpturen für mich erzählen lasse.

 

Hast Du Bildhauerei studiert?

Ja, ich war in München. Im Grunde genommen habe ich meine Ausbildung in Graz angefangen, das ist aber eine höhere technische Bundeslehranstalt gewesen, wo es eine Meisterschule für Bildhauerei gab. Sie hatten dort einen Schulzweig Kunst, wo man Malerei als auch Bildhauerei lernen konnte. Aber das war eher eine schulische Ausbildung, die von morgens 8 bis abends 18 Uhr ging. Da habe ich mir meine Grundlagen geholt, eine Grundausbildung in Materialverarbeitung, was mir extrem wichtig war. In der Kunstakademie Düsseldorf war ich zuerst Gasthörer und habe dort festgestellt, dass es dort für mich nicht möglich war. Ich musste erstmal lernen, wie man mit dem Material umgeht.

 

Und sowas lernt man an der Kunstakademie nicht?

Ja, die Kunstakademie ist freier und da geht es eher darum, den Kunstbegriff an sich zu erlernen.

Und die Materialien sind auch nicht vorgegeben. Eher eine freie Forschung. Aber jeder ist ja anders und ich wollte erstmal handwerklich lernen, wie man mit dem Material umgeht. Das ist ja ein Riesenspektrum. Materialkunde, Gusstechniken, Schnitzen, Glasblasen habe ich gelernt. Blech-Formen und so weiter, das sind immer wieder neue Sachen, die ich lerne. Oder neue Gusstechniken. Neue Gussmaterialien. Das ist einfach spannend.

 

Nach Graz bist Du dann nach Bayern gekommen.

Anschließend bin ich dann nach Bayern gegangen, weil ich unbedingt Akt modellieren lernen wollte. Ich habe mich immer nur für figürliches Modellieren interessiert und in München bekam man da die Grundausbildung dazu anhand von Aktmodellen, die gestellt wurden. Das ist eine zweijährige Ausbildung gewesen. Eine gute Grundausbildung. Ich kann jetzt immer aus dem Kopf heraus eine Hand oder einen Fuß abbilden, ohne eine Vorlage zu haben. Aber das war mir nach einer Weile dann auch zu unfrei. Ich wollte woanders hin.

Ich habe dann eine neue Akademie gesucht. In der Kunstakademie Düsseldorf gab es den Fritz Schwegler und das war dann meine Herausforderung, dorthin zu gehen. Denn ich hatte in einem Buch, das mir von ihm in die Hände fiel, gesehen, dass seine Studenten genau das gleiche gemacht haben, wie ich. Und ich wollte dann da unbedingt rein, um zu sehen, wo der Unterschied zu mir ist. Das war eine tolle Entscheidung! Ein toller Professor, eine tolle Akademie. 

 

Und seitdem bist Du in Düsseldorf?

Genau.

 

Fühlst Du Dich denn als Düsseldorferin?

Ich bin in Düsseldorf geboren. Eigentlich wollte ich damals gar nicht zurück. Aber es war das Beste, was mir passiert ist. Ich bin total glücklich hier. Da auch zu leben, wo ich aufgewachsen bin, das hatte ich jetzt so nicht erwartet. Ich lebe hier gerne, mag die Mentalität, die Rheinländer. Ich bin auch ein sehr direkter Mensch und quatsche die Leute einfach an und ja, je nachdem in welcher Region man ist, sind die Leute dann manchmal doch eher irritiert ... (lacht)




Dann hast Du ja auch an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtet?

Genau, ich hatte einen Lehrauftrag im Orientierungsbereich. Das sind so quasi die ersten zwei Semester der Neuankömmlinge. Das hat großen Spaß gemacht. In Paderborn hatte ich auch Lehraufträge. Ich unterrichte auch immer noch in der Erwachsenenbildung, aber an keiner Hochschule, weil ich irgendwann die Entscheidung getroffen habe, dass ich lieber frei arbeite. Weil frei zu arbeiten und eine Professur gleichzeitig an drei bis vier Tagen die Woche, das geht einfach nicht. Das ist so ein Riesentross, den man hinter sich herzieht, da kann man nicht drei bis vier Tage an eine Hochschule gehen. Da müsste man anders arbeiten und das will ich, ehrlich gesagt, nicht.

 

Nach dem akademischen Abschluss hast Du dann direkt von Anfang an frei gearbeitet?

Ja, ich hatte das Glück, dass ich direkt Galerien und Interessenten hatte.

Habe aber auch immer Aufträge gemacht zwischendurch. Seit einem Jahr lebe ich auch ganz frei von meiner Arbeit. Wobei ich auch gerne freie Aufträge annehme.

Ich hatte zum Beispiel vor zwei Jahren einen Auftrag für ein Wildschwein, von einem Jäger, dass vor seinem Landgut steht. So ein überdimensionales Wildschwein.

 

Du konntest aber immer von Deiner Kunst leben?

Ja, aber ich unterrichte auch. Aber ich musste nie etwas Artfremdes machen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber als ich damals von der Akademie kam, habe ich sogar auch Karnevalswagen gebaut. Die meisten Bildhauer haben das gemacht.

 

Für Jacques Tilly?

Ja, mit dem Tilly. Aber das war immer so kalt in den Riesenhallen ... und dort ist man dann 10 Stunden am Tag. Das war schon heftig.

 


"Das habe ich in all den Jahren gelernt, das auszuhalten und zu wissen, dass es nach einer Talfahrt auch wieder nach oben geht."


Das hört sich alles nach einer Erfolgsgeschichte an. Es ist schön, dass man das machen darf, was man sich vorgenommen hat.

Ja, wobei es gibt natürlich Höhen und Tiefen. Wie das Motto Zeitung. Man hat gute Jahre und dann hat man wieder Jahre, wo man wirklich so eine Talfahrt macht und denkt, okay, das war‘s jetzt. Inzwischen weiß ich, dass es einfach diese Wellen gibt und dass es nach einer Talfahrt auch immer hoch geht. Es ist ein bisschen so, wie eine schwere Krankheit, die man dann zu überstehen hat. Danach geht es einem wieder besser und man hat sich weiterentwickelt. So ist das in so einem Jahr.

Das lernt man. Das habe ich in all den Jahren gelernt, das auszuhalten und zu wissen, dass es nach einer Talfahrt auch wieder nach oben geht. Das müssen alle Künstler lernen. Aber einfach ist es nicht, wenn man schlechte Zeiten hat.

 

Du hast Dich also nie gefragt, ob Du einen falschen Weg eingeschlagen hast?

Manchmal denke ich das, wenn wieder so eine Talfahrt ist, aber das sind dann immer nur kurze Momente. Denn ich wüsste nicht, welchen Weg ich sonst gehen sollte. Es ist einfach mein Beruf. Meine Berufung. 

 

Und wenn Du nicht freie Künstlerin geworden wärst, gibt es einen anderen Beruf, den Du ergriffen hättest?

Dann hätte ich vielleicht etwas mit Sprachen gemacht. Das wäre was gewesen, wo ich auch ein Talent habe.

 

Sprichst Du mehrere Sprachen?

Ja, ich spreche mehrere Sprachen. Französisch, Italienisch und Englisch. Ich lerne nebenbei Sprachen. Weil ich einfach gerne lerne.

 

Reist man als Bildhauerin viel?

Es geht. Ich reise schon. Ich reise jetzt nicht andauernd. Ich brauche das nicht zur Inspiration.

Da reicht mir manchmal auch das Internet … oder Fernsehen. (lacht)

 

Und wie bekommst Du Deine Ideen? Kommen die spontan? Oder hast Du bestimmte Rituale?

Ich gehe einfach durch die Welt und gucke. Die meisten Künstler gucken anders als normale Leute.

Wir sehen einfach mehr. Ich habe da einfach so einen Rundumblick. Man nimmt auch immer alles auf. Und setzt auch immer alles in Bilder um, automatisch. Ich denke, deshalb ist man auch einfach Künstler geworden, weil man das einfach hat.

 

Hast Du eine Botschaft in Deinen Werken?

Nein, eine Botschaft habe ich nicht. Worum es mir in meiner Kunst geht ist, dass ich Kunst machen möchte, die berührt. Ich möchte beim Betrachter etwas auslösen. Sich wiedererkennen. Etwas, das entzündet, wo eine Erinnerung oder eine Berührung entsteht, das möchte ich schaffen. Das mache ich in der Form, dass ich eben Bekanntes mit Unbekanntem verbinde, dass ich Formen zusammenfüge, die in der Form so nicht vorzufinden sind. Die ich so für mich sprechen lasse.

Ich sammle, wie man hier auch sieht, Gegenstände, im Moment bin ich sehr stark in der Natur unterwegs, zum Beispiel hier diesen Baumpilz, ein inzwischen abgegossener Pilz, der bei dieser grünen Büste dann zu einem feinen Hut wird. Die Arbeit heißt „Im Wald“. Ich bin im Moment sehr viel im Wald unterwegs und deshalb heißen auch die meisten Skulpturen von mir „Im Wald“ (lacht). Das ist das, was ich empfinde, wenn ich im Wald unterwegs bin, was der Wald mit mir macht. Wobei es bei meinen Skulpturen nicht darum geht, was die Welt mit mir macht, sondern, was ich bemerke, worauf ich aufmerksam machen möchte, was für Bilder ich zeigen möchte.

 

Du hast ein besonderes Projekt im Wald?

 

Ja, ich habe einen Projektraum, der heißt „Neues aus dem Wald“. Das kommt natürlich daher, dass ich mit Nachnamen Waldert heiße. Der Wald war aber für mich schon immer ein Ort, den ich sehr mochte. Ich liebe es, Pilze zu sammeln, ich liebe einfach die Natur und den Wald.





Aber im Grunde geht es immer um den Menschen.

Ja, aber ich war lange mit Tieren unterwegs, quasi als Stellvertreter für meine Menschen, weil ich sehr lange nach einer Figur gesucht habe, die zeitlos ist, die geschlechtslos ist und aus allen Jahrhunderten stammen könnte und die wie eine Art Leinwand beim Maler funktioniert.

Ich wollte eine Figur finden, die jeder kennt, aber keiner weiß, wer es ist oder aus welche Epoche sie stammt. Diese Figuren sind quasi im Grunde die Träger meiner Erzählungen oder meiner Empfindungen. Oder was ich eben sehe oder eben ausdrücken möchte.

 

Ein klein bisschen gruselig sind Sie aber auch?

Ja, was ich mache, ist immer schön und nicht schön zugleich.

 

Weil die Identität fehlt und sie als Stellvertreter für jemand anderes stehen?

Ja, genau. Und das sind jetzt diese Arten, die heißen „Atmen“. Es ist ja auch nicht immer alles schön im Leben … (lacht) das kann auch manchmal ein bisschen gruselig sein.Oder auch dieser Mann hier, eine Figur aus einer neuen Serie. Das sind meine Bergmänner, die kann ich gleich auch mal im Laptop zeigen. Ich war in Dortmund im Bergbaumuseum und bin dann im zweiten Stock in dieser Mineralienausstellung gelandet und da habe ich echt fast Atemnot gekriegt, weil ich das so fantastisch fand, diese Ausstellung mit diesen Mineralien. Als Kind war eines meiner Lieblingsmärchenbücher „Rübezahl“ und irgendwie war das dann die Verbindung, diese Bergmänner mit diesen Edelsteinen zu verbinden. Weil es ja das ist, was einem in der Unterwelt begegnet. Da ist natürlich auch viel Poesie drin. Sehr viel Kinderbücher und Märchen. Ich verbinde einfach alles miteinander. 

 

Betitelst Du Deine Objekte auch?

Ja, der hier der heißt „Bergmann“. Diese Dinge, hier beispielsweise dieser Kragen aus Glasblasen.

Da war ich in der Kunstgeschichte unterwegs und da gibt’s ja in einer bestimmten Epoche die Fürsten, die immer solch einen weißen, faltigen Kragen trugen. Und das hat mich immer total fasziniert, aber ich wollte dann nicht so einen klassischen Kragen haben, das war mir einfach zu naheliegend. Mühlenkragen oder wie sie heißen … Ich weiß das gar nicht genau. Ich habe dann das Glasblasen gelernt und dann kam das irgendwie. Manchmal ist das so ... man macht etwas, man kann es gar nicht steuern und dann macht es plötzlich klick und dann ist die Arbeit fertig. Ich habe einfach diese Glasblasen aufgefädelt, umgelegt und dann hatte ich das Problem gelöst und fertig war dann der Kragen aus Glas, aber in Mühlenkragenoptik.

 

Und wie heißt die Figur?

„Mann mit Glasblasen“. Oft habe ich auch Titel, einfach nur, weil die Leute immer so gern Titel lesen.

Ich schreibe dann einfach oft das, was man sieht. Weil ich finde, die können sich mal davon lösen. Viele Arbeiten heißen so. Die hier (zeigt auf eine Hundeskulptur) heißt zum Beispiel „Hund“. (lacht)

 

Wie viele Ausstellungen machst Du so im Jahr?

Unterschiedlich. Es gibt Jahre, da stelle ich 15 mal aus.

Ich will jetzt aber nicht mehr ganz soviel ausstellen. Wenn ich vier bis fünf Ausstellungen im Jahr mache, dann ist das genug. Das mache ich so im Durchschnitt. Das ist ja auch sehr viel Arbeit.

Man muss ja auch mal Zeit haben, neue Kunst zu machen. Das ist eigentlich das, wozu ich immer weniger komme, weil man so einen Riesenapparat hat mit Galeristen, Kunden und Kataloge machen und fotografieren. So hat man eigentlich immer nur einen halben Tag im Atelier und das ist für Bildhauerei eigentlich sehr wenig. Wenn man so eine Figur modelliert, dann muss man ja auch noch den Abgussprozess bedenken, das ist auch nochmal ein Riesenaufwand.

 

Und Kunstmessen? Bist Du da auch vertreten?

Ja, auch, aber im Moment eher weniger. Was ich aber auch nicht bedauere, weil das so eine Massenveranstaltung ist. Ich finde, dass dort oftmals wirklich untergeht, warum wir Künstler eigentlich Kunst machen. Natürlich braucht es die Messen, damit man auch Kunst verkauft. Aber eigentlich, so dieses Besinnliche und die Zeit, die ein Kunstwerk braucht, um zu entstehen und auch den Raum, den ein Kunstwerk braucht, den hat es da einfach nicht. Das ist einfach eine andere Geschichte.

 

Ich war jetzt auf der Art Düsseldorf, warst Du dort auch?

Ich auch, die war sehr gut. Nicht zu groß. Ich war auch als Besucher dort.

 

Warst Du auch bei den Kunstpunkten in Düsseldorf öfters dabei?

Da mache ich schon immer mit. Ich habe da schon ganz am Anfang mitgemacht. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr. Aber da sagte mein Lebensgefährte: Das ist doch so schön, mach das weiter, ich helfe Dir auch immer beim Aufräumen. Das hat er dann einmal gemacht. Das war dann so der Punkt, den ich dann überwunden habe. Letztendlich, finde ich, ist es eine tolle Sache, die die Stadt Düsseldorf da auf die Beine gestellt hat. Es sind tolle Begegnungen. Irgendwie passiert immer irgendetwas Spannendes. Zum Beispiel, dass Ihr jetzt hier seid. Ich habe über die Kunstpunkte schon viele Kontakte bekommen. Das ist eine tolle Institution.

 

Verkauft man da denn auch?

Man verkauft auch. Mal mehr, mal weniger. Das ist immer unterschiedlich. Das weiß man vorher ja nie. Wie bei jeder Ausstellung. Man arbeitet ja im Grunde erstmal umsonst, bis das alles da steht, und weiß nicht, ob etwas verkauft wird.

 

Der Anspruch bei den Kunstpunkten ist ja in den letzten Jahren auch gewachsen.

Die Kunstpunkte Düsseldorf waren lange Jahre sehr verrufen. Und wer professionell sein wollte, der hat da auch nicht mitgemacht. Ich fand aber das Konzept eigentlich klasse. Ich war damals in Jagenberg in einem geförderten Atelierhaus. Wir hatten da auch sehr viel Aufmerksamkeit. Die Stadt Düsseldorf erwartet von den Künstlern, die ein gefördertes Atelier haben, auch, dass sie dann da auch regelmäßig mitmachen. Aber ich habe immer mitgemacht. Und ich habe auch immer tolle Sachen über die Kunstpunkte erlebt. Es ist auch nett, wenn man selbst mal die Resonanz auf die eigene Arbeit bekommt, das bekommt man nicht in Galerien, da bekommt der Galerist dann das Feedback. Seine Emotion, die man braucht, um sich zu sagen, jetzt mache ich weiter, diese Motivation bekommt man bei den Kunstpunkten.

 

In welchem Preissegment bewegst Du Dich so?

Zwischen 150 und 40.000 Euro. Je nachdem wie groß der Aufwand war. Oder es gibt Auflagenobjekte, die sind auch günstiger.

 

Und wie verkaufst Du Deine Werke hauptsächlich?

Ich vermarkte mich auch selbst über Webseiten, habe aber eben auch Galerien. Und über die Kunstpunkte.

 

Bei welchen Galerien bist Du?

Das wechselt immer. Ich bin aktuell noch bei Peter Tenje, aber der hört jetzt auf. Dann habe ich eine Galerie in Wetzlar und in Göttingen. In Bielefeld, da stelle ich gerade aus. Dann wechselt man wieder. Das ist nicht so wie früher, wo man eine Galerie für Jahre hatte. Sondern es dauert eher eine oder zwei Ausstellungen und dann ändert sich das wieder. Dann haben alle seine Kunden was gekauft ... so ist das. Was soll ein Galerist dann noch für Leute akquirieren.


"Ich finde, Glas ist das Faszinierendste, was es gibt."


Und hast Du noch einen großen Traum ein großes Ziel?

Also wovon ich träume … ich würde sehr gerne mal eine sehr große Außenfigur machen.

Eine menschliche Figur. Und ich würde sehr gerne noch mal richtig Glas blasen lernen, am Ofen.

Oder wenn ich selber so einen Studioglasofen hätte, das fände ich toll. Aber das ist nochmal eine richtige Ausbildung, die man da machen muss. Das ist noch so ein Traum, weil ich Glas einfach so fantastisch finde. Ich habe auch eine Bronzefigur mit Glas verbunden. Mehrere Figuren. Ich finde, Glas ist das Faszinierendste, was es gibt. Das ist ja warmer Sand und dann wird das flüssig und dann ... es ist eine Wahnsinnstechnik. Ich habe immer nur zugeschaut und oft bei Glasbläsern etwas blasen lassen. Auch dieses Wissen, wann muss ich das Glas wieder warm machen, damit es nicht in tausend Stücke platzt, das ist immer so ein Eiertanz.

 

Hast Du einen Lieblingsort hier in Düsseldorf, wo Du Dich zum Beispiel zurückziehen kannst?

Im Nordpark. Ich bin sehr gerne im Nordpark. Da war ich schon als Kind mit meiner Mutter.

Der liegt hier auf meinem Heimweg. Im Sommer, da nehme ich mir eine Thermoskanne mit und ein Brot und die Zeitung und sitze da auf dem Hinweg und auch auf dem Rückweg.

Als Künstler muss man ja auch viel spazieren gehen und in die Luft gucken. Kreativität kommt ja nicht von der ständigen Aktion, in der man ist, sondern von der Ruhe, in die man kommt. Dann fängt die Kreativität an zu fließen …, aber das kommt auch beim Duschen. Duschen ist auch toll!

Man ist ja oft so ein bisschen schwanger von einer Idee und steckt dann richtig fest. Da kann man machen was man will, da kann man Ton aufhäufen, soviel man will … eigentlich müsste man es einfach laufen lassen. Man weiß auch selber gar nicht, was man da für einen Gedanken hat. Man merkt nur, da muss jetzt was Neues passieren. Man kann es kaum beeinflussen, außer, dass man zur Ruhe kommt und sich in den Nordpark setzt. (lacht)

 

Wie lange arbeitest Du? Hast Du einen 8-Stunden-Tag?

Ja. Ich stehe sehr früh auf, ich bin Frühaufsteher. Im Sommer um fünf, im Winter um sechs und dann trinke ich Tee. Und dann sitze ich eine Stunde später am Laptop und mache schon den ganzen Krempel, den ich da immer machen muss. Das ist ja ein Riesenapparat, den man da so hat. Dann bin ich meistens so um 11, halb 12 hier in Richtung Atelier unterwegs. Im Grunde genommen ist es ein 8-Stunden-Tag und wenn ich viel zu tun habe, kann es auch mal ein 12-Stunden-Tag sein.

 

Das hört sich sehr strukturiert an.

Es ist eher ein „steter Tropfen höhlt den Stein“. Ich arbeite oft an mehreren Sachen gleichzeitig. Dann hat man auch mal einen Wurf dazwischen. Aber im Prinzip ist es auch ein stetiges Arbeiten und Forschen am eigenen Suchen.

 

Du bist auch politisch engagiert, oder?

Ja, ich bin bei den Grünen.

 

Meinst Du, dass Deine Arbeiten auch politisch sind?

Das würde ich nicht sagen. Ja, indirekt treffe ich Aussagen, die auch politisch sein könnten. Aber das ist nicht mein Anliegen. Aber ich finde, man sollte sich in unserer Zeit auf jeden Fall engagieren.

Das mache ich so, wie ich es halt hinkriege. Ich frage mich eben, in welcher Gesellschaft möchte ich leben und da kann ich einen Beitrag leisten, wenn ich aufstehe. Das kann ein kleiner Beitrag sein oder ein größerer. Im Grunde ist es ja schon politisch, sein Gemüse im Bioladen zu kaufen und keine Plastiktüten zu verwenden. Mir geht es darum, anderen Leuten das Bewusstsein zu geben, dass man was machen kann.

Dass dieser Satz „das bringt ja doch nichts“ nicht existiert. Sondern alles bringt was, was man ändert. Alles bringt was. Man muss es nur machen. Und so ist es eben in der Kunst auch.

Man muss es nur machen.

 

Ist das Dein Geheimnis? Oder was würdest Du einem jungen Bildhauer raten?

Ich würde sagen: stetig arbeiten und immer weitermachen. Nicht verzagen. So die üblichen Omasprüche. Von außen sieht das Künstlersein ja immer so toll aus. Viele sagen dann, „Oh, Du bist Künstler, wie toll, Du kannst machen, was Du willst.“ Das stimmt. Aber, man muss eben auch machen, was man will! Und das ist auch nicht immer leicht. Diese Freiheit ist auch manchmal nicht so leicht.

 

Man muss sich selber immer wieder motivieren.

Ja, genau und das ist das allerschwerste. Dass man dann bei so Talfahrten weiß, das man daran glaubt, dass es weitergeht und dass das, was man macht, richtig ist. Aber da gibt es hunderte von Künstlern, die darüber Zitate dazu verfasst haben.

In Phasen, wo man einfach eben auf dem Schlauch steht, da muss man dann durch. Das kann man dann „Warten auf die Inspiration“ nennen. Da sitzt man eben im Atelier und wartet, das ist auch schon Kunst machen … man muss sich einfach seiner Sache sicher sein. Und das ist auch nicht leicht. Das würde ich einem jungen Menschen sagen, dass er sich sicher sein soll. In der heutigen Zeit wird es auch schwieriger, Kunst zu machen. Weil unsere Zeit ja immer schneller wird. Zeit ist Geld. Keiner hat mehr Zeit. Alles muss schnell gehen. Man hat ja noch nicht mal mehr Zeit zum Mittagessen. Und in einer solchen Gesellschaft, die so schnell wird, zu sagen, ich sitze hier aber und warte auf Inspiration … das ist ganz schwer durchzustehen.


 "Ich ziehe die Aufmerksamkeit durch etwas Bekanntes an, sorge aber durch die Ausführung für Irritationen."


Hast Du ein Objekt, was Dir besonders am Herzen liegt?

Ich mag gerade besonders die Objekte, die neu sind. Im Moment mag ich diese hier sehr. Die heißen „Atmen“. Ich gebe hier eine Art Inspiration, meine Form vor. Und der Betrachter sieht das Ganze dann so, wie er sozialisiert ist, denn jeder sieht die Welt ja aus der Form heraus, wie es ihm gerade geht. Das habe ich immer gerne gemacht. Anfangs habe ich ja mit den Tieren gearbeitet, weil man die direkt erkennen kann.

Ich ziehe die Aufmerksamkeit durch etwas Bekanntes an, sorge aber durch die Ausführung für Irritationen.

Das sind Erinnerungen, die positiv oder negativ sein können. 

Leute haben so oft gesagt, Deine Arbeiten sind so teuer, die kann sich doch keiner leisten. Deshalb habe ich irgendwann auch kleine Objekte gemacht. So kann sich jeder meine Kunst leisten.

 

Wenn Du Deine Kunst mit einem Satz beschreiben müsstest, wie würdest Du Dich einordnen?

Also, ich sage immer gerne, in meinen Arbeiten kommen meine Gedanken zum Stillstand.

Der beschreibt mich und meine Kunst. Weil ich so ein Bewegungsmensch bin, immer irgendwie hektisch.

Und da bleibt einfach alles stehen. Diese Serie „Atmen“, dieses Atmen. Das hat ganz viel damit zu tun,

dass man stehen bleibt. Einfach mal atmet. Dass man ist und sich nicht wieder sofort wegziehen lässt.

Diese Erstarrung, die die Arbeiten haben … und durch das Gesamtbild, das entsteht, gerät dann alles auch wieder in Bewegung.

 

Was ist eigentlich Deine Lieblingsfarbe?

Ich liebe so Blutrot und rosa-orange-Töne.

 

Aber in Deinen Arbeiten arbeitest Du eher pastellig oder mit Naturtönen.

Ja, das sind immer so Phasen. Farbbewegungen. Hier zum Beispiel war ich in orange unterwegs, das war so vor circa 20 Jahren. Dann ging es über in eine Schwarz-weiß Optik, bis ich dann nur noch in diesem Grau arbeitete. Und dann fing es an, dass wieder Erdtöne dazukamen. Und dann ging’s mit Rot weiter. Dieses Rot finde ich toll. Dann kamen die Superhelden. Mit Goldelementen. Die goldenen Herren. Madonnaman. Die mag ich auch sehr.

 

Wie viele Objekte hast Du mittlerweile?

Ach Gott, zum Glück verkaufe ich sie ja auch, sonst würde ich verzweifeln. (lacht)

Ja, aber wenn man viel arbeitet, dann hat man auch viele Objekte.

Dann konnte ich auch in Italien eine Zeitlang in einer Keramikmanufaktur mit diesen Majolika-Farben malen.

Das war das dann mit diesen Violetttönen. Damit war ich auch eine Weile unterwegs.

Oder dieser liegende Mann mit diesen Pillen auf dem Bauch. Hier mit den Pelzkugeln ... (blättert in verschiedenen Katalogen).

Und jetzt mache ich gerade einen neuen Katalog. Den layoute ich gerade.

 

Zu welchem Thema ist das dann?

Das weiß ich noch nicht. Da muss ich noch viel duschen und viel im Park sitzen … (lacht) # 

 

 


Zur Person

Nele Waldert  - Jahrgang 1964  -  geboren in Düsseldorf  -  Studium an den  Kunstakademien München und  Düsseldorf  -  Meisterschülerin bei Fritz Schwegler  -  Freie Künstlerin -  lebt und arbeitet in Düsseldorf 

 

www.nelewaldert.de


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