"Ich will immer noch ein Bild machen. Egal, ob es die Welt interessiert oder nicht ..."

 

Andreas M. Wiese erschafft magische Welten.

Die Bilder des Wuppertaler Malers Andreas M. Wiese lösen Kopfkino beim Betrachter aus. Seine Motive  wirken auf den ersten Blick vertraut und belanglos, doch beim zweiten Hinsehen erkennen wir über- raschende Details oder ungewöhnliche Farben, nichts, was wir erwarten würden. Das vertraute Alltägliche wird so zu etwas Rätselhaftem.  Der gebürtige Wuppertaler und Meisterschüler von Prof. Konrad Klapheck arbeitet seit 1993 als freier  Künstler. Seine Malerei ist rein gegenständlich. Seine Gemälde zeigen Menschen, Orte und Objekte.  

 

Obwohl seine Malweise extrem realistisch ist, sind seine Bilder doch konstruiert und inszeniert. Eine  unwirkliche Realität entsteht, die voll Poesie und Dramatik und nie langweilig ist. Man sieht sich nicht satt an seinen Bildern. Klar strukturierte Flächen stehen im Kontrast zum unergründlichen Thema. Wiese spielt mit Farbkontrasten und Größenverhältnissen und variiert Licht und Schatten in seinen Gemälden gekonnt. Nichts wird erklärt, alles nur angedeutet. In seinen Bildern kommt die Zeit zum Stillstand und der Betrachter  muss sich seine eigene Geschichte dazu erfinden. Das Bild selbst schweigt.

 Fangen wir doch mal ganz spießig an: Kannst du deinen Lebenslauf kurz zusammenfassen? 

 

Andreas Wiese: Geboren. Studiert. Künstlerisch tätig. Das ist es schon.  

 

Das ist es schon?  

 

Im Prinzip ...  

 

Du bist also ganz zielgerichtet zur Akademie gegangen, hast dort Kunst studiert und bist seitdem Künstler?  

 

Das klingt jetzt so „straight“, aber als heranwachsender Mensch habe ich mich nicht ernsthaft als Berufskünstler gesehen. Ich habe zwar von klein auf gern gemalt, aber da war auch viel Naivität, Sturheit und Glück, dass es dazu kam.


"Was hätte ich da sonst noch machen sollen?
Ich kann ja sonst nix …"


Du hast an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert?  

 

Ja. Aber ich wusste damals gar nicht, was das ist, eine Kunstakademie. Ich hab gedacht, gib mal deine Bilder da ab und schau, was passiert ... Eigentlich wollte ich mal Bibliothekar werden, weil ich Bücher liebe, ein super Grund, um Bibliothekar zu werden, nicht wahr? Aber für die Hochschule für Bibliothekare in Köln reichte mein Notendurchschnitt nicht. Ich glaube ungefähr zeitgleich habe mich an der Kunstakademie Düsseldorf beworben und bekam einen positiven Bescheid. Da habe ich während des Studiums irgendwann den „point of no return“ überschritten. Das war ein Selbstfindungstrip, gerade am Anfang fühlte ich mich wie durch den Wolf gedreht. Dann war diese Zeit auf einmal um und ich fiel aus der akademischen Käseglocke in die Wirklichkeit. Zum Glück gab es auch Leute, die Ausstellungen mit mir machen wollten und die meine Sachen gekauft haben. Und da kam ich nicht mehr raus aus dem Film ... Was hätte ich da sonst noch machen sollen? Ich kann ja sonst nix … (lacht)   

 

Das hört sich aber ein wenig ernüchternd an. Man ist doch begnadet, wenn man das machen darf, was man gut kann, oder nicht? 

 

Ja, das ist schön, wenn man sein Ding machen kann, sehr schön. Aber nach ein paar Tagen im Geschäft stellt sich auch Ernüchterung ein, das wirkliche Leben prüft die Einstellung zum Kunstmachen. Es gibt Leute, die finden das toll, was du machst. Es gibt welche, denen es nicht gefällt, und es gibt viele, denen ist es völlig egal, also du merkst, dass die Welt nicht auf dich gewartet hat und dass du die finden musst, die deine Arbeit mögen, lieben und außerdem haben wollen, denn nur von Begeisterung kannst du nicht leben.  

 

Kannst du denn von der Malerei leben oder bist du auf Nebenjobs angewiesen?  

 

Mal läuft es ohne, mal mach ich was nebenher. Bis 2012 habe ich zum Beispiel drei Jahre lang nebenher ein paar Tage im Monat beim Heinz-Magazin gearbeitet. Die brauchten immer ein paar Leute zusätzlich, die die Terminseiten für sie eintippten. 2012 war ein Superjahr, da habe ich auf einmal sehr viel verdient – für meine Verhältnisse – und beim Heinz aufgehört. 2013 war auch sehr gut, da hat die Sparkasse eine Filiale mit Wiese ausgestattet. Danach wurde es langsam wieder eng, da braucht man den vielzitierten langen Atem. Ich hatte schon überlegt, mir wieder was zu suchen, aber dieses Jahr sieht wieder besser aus. Seit zehn Jahren gebe ich aber auch Malkurse im Museum, hundertprozentig konnte ich also nicht immer von der Kunst leben, dafür ist das ein zu extremes Auf und Ab. Das war in den goldenen 90er Jahren anders.  

 

Aber das ist ja in allen freien Berufen so, dass es nicht immer nur bergauf geht …  

 

Ja. Genau. Und ob ich viel oder wenig verdiene, hängt ja nicht davon ab, ob ich gut oder schlecht male, das ist auch so eine ernüchternde Erkenntnis.  




 Hast du einen Galeristen? 

 

Ja, ich habe einen Galeristen in der Eifel, der macht das schon seit 20 Jahren mit viel Idealismus, mit demselben Auf und Ab.  

 

Wäre Düsseldorf ein besserer Standort? Warum bist du in Wuppertal geblieben?  

 

Ich bin Wuppertaler. Ich lebe gern hier, wahrscheinlich so ne Art Heimatsyndrom. Ich weiß auch nicht, warum man beispielsweise nach Düsseldorf ziehen sollte, da ist alles drei bis vier mal so teuer. Man hätte da vielleicht mehr Anschluss an eine größere Szene ... Ich hatte mal eine kleine Galerie in Düsseldorf in der Altstadt, die mich im Laufe der Jahre sehr oft ausgestellt und viele Bilder verkauft hat, da habe ich ein bisschen mitbekommen, wie es so läuft in der großen Stadt, da gibt es eben auch mehr Konkurrenz. 

 

Könntest du selbst etwas mehr für die eigene Vermarktung tun? Künstler tun sich da oft schwer ...

 

Das stimmt schon. Da tue ich mich auch schwer. Ich versuche bei sich bietenden Gelegenheiten, den Fuß in eine Tür zu kriegen. Das geschieht meist über Kollegen mit Verbindungen, die mich empfehlen können und jemandem was von mir zeigen. Du kannst eigentlich nicht direkt in eine Galerie gehen und sagen: „Gucken sie mal ...“, wenn das so laufen würde, wäre das wie ein Sechser im Lotto, also in einer richtig guten Galerie.


"Der Kommerz ist der harte Weg zum Ruhm."


Was ist denn eine richtig gute Galerie? 

 

Eine etablierte, gutgehende Galerie hat etwa 20 Künstler oder mehr am Start, macht vielleicht sechs bis acht Einzelausstellungen pro Jahr, geht auf Kunstmessen. Warum sollten die noch einen Künstler nehmen, egal wie gut der ist? Mir hat ein Galerist am Telefon mal gesagt: „Wenn der Sowieso mir nicht von Ihnen erzählt hätte, würde ich gar nicht mit Ihnen reden ...“ Die Galerien sind halt wichtig, weil sie in der Regel die Tür in den Kunstmarkt sind, wo sich auch Museen umgucken. Der Kommerz ist der harte Weg zum Ruhm. Eine richtige Selbstvermarktung ohne Galerie ist sehr schwierig. Das ist das klassische Problem des Freiberuflers: Man kann kaum Produktion, Vertrieb und Marketing in einer Person machen.  

 

Woran liegt es denn, dass es einige schaffen und andere nicht? An den Beziehungen? Oder ist das nur Glück? 

 

Nenn es Beziehungen, nenn es Glück. Irgendwann kommt jemand und sagt: „Das, was Sie da machen, finde ich toll, das will ich haben!“ Vielleicht kann man dafür etwas tun, sich ständig irgendwie „ins Gespräch bringen“, wie es so schön heißt. Dafür braucht man ein gewisses Selbstdarstellungstalent, ich glaube, davon habe ich nicht viel, außerdem kostet sowas Zeit und Kraft, und die verwende ich dann doch lieber fürs Malen. Du kannst dich auch für Preise, Stipendien oder Ausstellungen bewerben, wo in den Jurys wichtige Leute sitzen, die vielleicht auf dich aufmerksam werden könnten. Da ich nun schon ein paar Tage in dieser Branche bin, habe ich eine Vorstellung davon, wo meine Sachen ankommen könnten und wo eher nicht. Bei einem Kunstpreis für abgefahrene Konzeptkunst zum Beispiel komme ich eher nicht in die engere Auswahl. Insofern versuche ich sowas recht selten. „Competitions are for horses, not for artists“ soll mal ein Künstler gesagt haben, ist mir entfallen, wer. Ich empfehle das Buch „Kunst hassen“ von Nicole Zepter.

 

Wenn sich also was ergeben hat, dann meist, weil mich jemand entdeckt hat, zum Beispiel die Galeristin aus Düsseldorf auf dem Akademie-Rundgang. Man begegnet allerdings auch oft genug begeisterten Schaumschlägern, die einem erzählen: „Herr Wiese, Sie sind begnadet und wir werden dies und jenes machen ...“ Und dann hört man nichts mehr davon. In diesem Kunstbetrieb gibt es leider auch viel Getue und viel heiße Luft.

 

Das muss frustrierend sein. Hast du jemals gedacht, ich höre auf?  

 

Ja! Aber was soll ich sonst machen? (lacht) Im Ernst, man lebt nicht als Künstler, weil es einfach ist. Man muss Strategien entwickeln. Ich mache zum Beispiel preiswerte Bilder. Meine Preischarge geht von 50 - 5000 Euro. Da

ist für jeden etwas dabei. Es funktioniert dann schon mal eher, dass du etwas für 50 - 100 Euro verkauft kriegst, wenn im Tausender-Bereich gerade nichts geht. Es haben sich schon viele Leute über einen kleinen Wiese gefreut, den sie sich leisten konnten, was für mich auch ein sehr schönes Gefühl ist.

 

Dann ist da noch das Internet, ein ganz wichtiges Thema. Zuerst braucht man eine Homepage, außerdem kann man Portfolios auf etlichen Kunstseiten anlegen. Man merkt aber schnell, dass es meistens Linkfriedhöfe sind, wo entgegen den Verheißungen der Betreiber, niemand unentdeckte Talente sucht. Ich kann immerhin von zwei Seiten sagen, dass sie etwas gebracht haben.  Ein schwedischer Musiker hat mich zum Beispiel im Netz gefunden und wollte zwei Bilder für sein neues Plattencover, da habe ich dann Geld für die Nutzung bekommen. Die von wetransfer.com haben mich mal auf ihre Startseite gesetzt, da hat mich eine Bildagentur gesehen und unter Vertrag genommen. Allerdings haben sich meine Arbeiten auch ungemein im Netz verbreitet  – durch Pinterest, Facebook, Tumblr, vk.com und diverse merkwürdige Kunstblogs – und man kann inzwischen sogar für kleines Geld handgemalte Kopien von meinen Bildern in China bestellen (lacht) ... Ab und zu bekomme ich auch E-Mails von Mietgalerien in aller Welt, da können sich Künstler Ausstellungen kaufen, meistens eine Beteiligung an einer Gruppenausstellung für ein paar hundert oder eine Einzelausstellung für ein paar tausend Euro, Dollar oder Pfund. Das ist reine Abzocke, nix für mich. Also auch im Internet musst du dir Strategien überlegen, um gefunden zu werden.  





Bei der WOGA machst du auch immer mit, bringt dir das etwas?  

 

Ja, weil es ganz nett ist. Ich hab auch schon mal ein paar kleine Sachen verkauft. Man lernt neue Leute kennen und nette Bekannte oder die lieben Kollegen kommen mal vorbei und lassen ein lobendes oder kritisches Wort da.  

Was sind die Themen deiner Arbeiten? Ich habe viele Arbeiten mit Autos gesehen, interessiert dich das noch sehr? 

Ich hatte mal eine große Autophase. Im Moment bin ich eher auf dem Menschentrip und male auch gerne mal Nackedeis, im Kunstsprech „Akte“. Es macht eigentlich kaum einen Unterschied, ob ich Autos oder Leute male, es sieht ja nur so aus als ob ... Insofern ist Thema vielleicht der falsche Begriff, es geht immer um Malerei, egal, was da gerade zu sehen ist.

 

Wie entsteht der „kreidige“ Effekt in deiner Malweise? 

  

Es ist ganz einfach: Ich nehme Ölfarbe und trage sie so auf, wie sie aus der Tube kommt, so trocken wie möglich, ohne Malmittel. Viele nehmen gern Balsam-Terpentinöl, um die Farbe geschmeidiger zu bekommen. Da kann der Pinsel dann leicht über die Leinwand gleiten, wie bei Holiday on Ice, aber die Farbe verliert damit an Substanz und Leuchtkraft, was durch Glanz wieder wettgemacht wird. Das ist überhaupt nicht meine Art. Ich bin in dieser Beziehung Purist, wenn ich schon mit diesem Material arbeite, nehme ich die Farbe so, wie sie ist. Ich denke, eine gute Farbe kannst du nur toppen, wenn du die Pigmente selbst anrührst, mit so wenig Malmittel wie irgend möglich. Aber das wäre mir dann doch zu aufwendig. 

 

Wie lange brauchst du für ein Bild und arbeitest du auch in Serien?  

 

Serie würde ich nicht sagen. Wenn ich zum Beispiel  Personen in gleichem Format male, dann hat das im Nachhinein vielleicht einen seriellen Charakter, aber unter einer Serie versteh ich was anderes, die ist schon von vornherein als solche angelegt. Sowas halte ich nicht lange über mehrere Bilder durch, außer bei meinen kleinen Bildern auf Pappe, die sind nicht so aufwendig. Jedes Bild kann für sich stehen und muss ohne die anderen funktionieren. Ein Bild braucht solange, wie es dauert. Es gibt das Drei-Tage-Bild und es gibt das Drei-Jahre-Bild. Ich male immer an mehreren Bildern gleichzeitig, die Malerei ist wichtiger als das einzelne Bild. Was mich gerade beschäftigt, passiert auf mehreren Bildern, auch wenn sie verschieden aussehen und am Ende für sich stehen. Hier hängt auch ein Bild, das habe ich 1997 angefangen und bin da immer noch dran ...  

 

Ist das eine Wuppertal-Ansicht?  

 

Es gibt eine Vorlage dazu, die habe ich schamlos aus einem Fotobildband abgeguckt und ein bisschen anders arrangiert. Es ist wirklich egal, wo das ist, es geht nur um das Räumliche, um das Licht, um die Situation. Hier geht es zum Beispiel um das Wasser in der Gosse, wie das Licht darin reflektiert. An diesem Bild bin ich jetzt seit fast 20 Jahren zugange.  

 

Aber jetzt ist es fertig?  

 

Nein! Es ist nicht fertig.   

 

Da kann man also noch etwas verbessern?  

 

Ja, sicher.  

 

Kann man so ein Bild nicht auch ruinieren?   

 

Oh ja, das kann auch in die Hose gehen ... (lacht) Aber warum sollte ich das machen? Es gibt noch 20 weitere Bilder, die schreien: „Mal mich, mal mich!“ Da muss eins, das sich nicht entscheiden kann, eben warten, bis es soweit ist.   

 

Und Auftragsarbeiten?

 

Als ich angefangen hatte, Menschen zu malen, kam irgendwann die naheliegende Idee: Mach doch mal Porträts! Die Leute sollen unbedingt sehen, wie es aussieht, wenn der Wiese sie malt ... Hier habe ich zum Beispiel ein Familienporträt. (Er zeigt auf ein Bild.) Aber das sind Bekannte von mir. Unter Künstlern gilt sowas nicht als richtiger Auftrag. Und das hier ist hingegen ein richtiger Auftrag (kein Porträt). Der Kunde wollte eigentlich ein anderes Bild haben, das ihm zu teuer war. Ich habe ihn gefragt, was er ausgeben will und was Adäquates gemalt. Das mache ich bei Auftragsarbeiten so, denn das Handeln beim Verkaufen macht keinen Spaß. Das gehört auch zu diesen Ernüchterungen ... Also habe ich mir gedacht, dass der Kunde sich überlegen muss, was ihm mein Können und Einsatz wert sind und ich kann mich dementsprechend ins Zeug legen. Auf diese Weise sind schon einige Auftraggeber zu glücklichen Besitzern eines Wiese-Bilds geworden und ich bin auch zufrieden.  

 

Es ist sicher frustrierend, wie wenig die Leute manchmal für Kunst ausgeben wollen.  

 

Tatsächlich? (lacht). 

 

Schon allein die Materialkosten ...   

 

Die Zeit, die Ateliermiete … ja, man hat Kosten.  

 

Das ist in allen freien Berufen ähnlich. 

 

Ja, da gibt es ein paar Stars, die verdienen sehr viel, ein überschaubares Mittelfeld und der große Rest verdient wenig, zu wenig, um davon zu leben. So ist der Markt, das ist der Preis der Freiheit.  

 

Geht es dabei nicht auch um Imagebildung? 

 

Image … Ich arbeite doch nicht an meinem Image! Aber das sollte ich zur Selbstvermarktung vielleicht tun.  


"Wenn es nur ums Geldverdienen ginge, müsste ich eigentlich was anderes tun ..."


Wenn man Geld verdienen möchte, dann vielleicht ... 

 

Wenn es nur ums Geldverdienen ginge, müsste ich eigentlich was anderes tun, das wäre die Quintessenz. Da sind wir wieder bei Produktion und Marketing: Mache ich etwas und will es verkaufen, oder mache ich etwas, um es zu verkaufen. Kunst ist definitiv ersteres.

 

Hast du noch Ziele, die du dir gesteckt hast?  

 

Ich möchte das möglichst lange machen und ich möchte noch das ultimative Bild malen. Es gibt haufenweise Ideen für Bilder, aber ob sie was taugen, weiß ich erst, wenn ich sie gemalt habe. Das ist die Crux mit den Ideen ... Ich würde auch gern ganz davon leben können, trotz der beschränkten Möglichkeiten der Selbstvermarktung. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass es meist auch besser ist, gar nicht so viel zu sagen und die Bilder sprechen zu lassen, die sind eigentlich meine beste Werbung. Oft will man eigentlich auch gar nicht so genau wissen, was der Künstler wirklich will und denkt.

 

Was will denn der Künstler wirklich?  

 

Das interessiert ja keinen …  

 

Uns schon! 

 

Ja, aber ihr seid auch keine Käufer oder Kuratoren, oder?  

 

Leider nein ... 

 

Der sogenannte Kunstbetrieb zeichnet sich durch ein gewisses Desinteresse am unbekannten Künstler aus. Erst wenn du bekannt bist, interessiert man sich für dich, ist ja auch logisch.

 

Damit komme ich zu einem meiner Lieblingsbegriffe: „Projektion“. Warum interessiert sich jemand für ein Kunstwerk, möchte es ausstellen oder kaufen? Weil es ihm gefällt. Weil er irgendetwas darin sieht, was ihn persönlich anspricht, weil er etwas hineinprojiziert, das nicht das sein muss, worum es dem Künstler ging.

Die Galeristen und Kunsthistoriker, die im Kunstbetrieb arbeiten, können sich aus einem Meer von Kunst etwas aussuchen, was sie anspricht. Ein Künstler kann sich dann freuen, weil er eine Ausstellung bekommt, sieht sich dabei aber auch den Projektionen seiner Förderer ausgesetzt. Wenn ich ausgestellt werde, muss ich mich meist auch damit arrangieren, ich sage dann nicht mehr viel dazu. Ein Kollege, der sich gerade mit einer Galerie rumärgerte, meinte neulich, manchmal hätte er das Gefühl, dass andere sich nur mit einem schmücken wollen.

 

Die selige Kollegin Ulle Hees (Wuppertaler Bildhauerin *1941/† 2012) formulierte es so: „Wir sind die Harlekine ...“

Ich kann also nur immer weitermalen und versuchen, mich irgendwo sinnvoll zu platzieren. Es gibt zum Beispiel den Holger Wennrich, der macht die KUBOSHOW-Kunstmesse in Herne. Der findet meine Sachen toll und schickt mir jedes Jahr eine Extraeinladung. Da kann ich einmal im Jahr meine Arbeiten mit hundert anderen Künstlern anbieten und da geht meistens was. Da hat mich übrigens auch mal eine begeisterte Dame von einem Kunstverein entdeckt und hat mir eine Einzelausstellung fest zugesagt. Dann ging es irgendwann nur noch um die Beteiligung an einer Gruppenausstellung. Ich wollte mich nicht verladen lassen und habe abgesagt. Es gibt häufig eine solche Unverbindlichkeit in diesem Bereich.

 

Also was soll man als Künstler schon wirklich wollen? Man will das zeigen können, was man macht, so wie man es selbst für richtig hält. Und man möchte ernst genommen werden. So einfach ist das.


 "Ich habe es bis hierher geschafft und ich werde weitermachen."


Gibt es denn irgendwas Positives am Künstlerleben? Wenn man das alles so hört?

 

Das hier. Das ist es! (Er zeigt um sich.) Ich mache das jetzt schon über zwanzig Jahre, das ist ein Künstlerleben und das ist positiv. Ich habe es bis hierher geschafft und ich werde weitermachen. Ich will nur immer noch ein Bild machen und noch ein Bild. Egal, ob es die Welt interessiert oder nicht ...  Immerhin sind schon an die 300 Werke von mir da draußen in der Welt, in Wohnzimmern, Büros, was weiß ich wo ... und werden täglich von vielen Menschen gesehen.

 

Im Frühjahr hatte ich diese Ausstellung in der Kunststation (im Bahnhof Wuppertal-Vohwinkel), das war für mich emotional ungemein wichtig, da konnte ich mich mal austoben. Das ist halt ein sogenannter Off-Raum, der von einem Künstlerpaar betrieben wird, die wissen, wie das ist.

 

Wie arbeitest du? Regelmäßig von acht bis sechs oder ganz flexibel?   

 

Meine Kernzeit im Atelier ist von 15-20 Uhr. Das liegt auch daran, dass ich nicht alleine lebe. Früher, als ich alleinstehend war, habe ich oft bis tief in die Nacht gemalt. Ich bin ein Nachtmensch und komme morgens nicht in die Pötte. So fange ich dann im Atelier zwischen 14 und 15 Uhr an und arbeite bis etwa 20 Uhr oder manchmal auch länger. Vorher erledige ich sowas wie Bilder vorbereiten, Schreibkram, Internet. Oder Staubsaugen, Wäsche waschen, Einkaufen ..., muss ja auch irgendwann gemacht werden, woll.

Jetzt mal was andres: Wie findet ihr denn das, was ich  mache?   

 

Toll, sonst wären wir nicht hier. Man muss immer zweimal hinschauen, dann sieht man, dass auf deinen Bildern unheimlich viel passiert. Du hast eine eigene Handschrift.  Von der Machart her, sieht man sofort, dass es ein „Wiese“ ist. Hast du Vorbilder?  

 

Ein richtiges Vorbild habe ich nicht. Es gibt einzelne Dinge bei verschiedenen Malern, die mich beeindrucken oder berühren, zum Beispiel bei Hopper, Vermeer, Balthus, Manet, Caillebotte ... oder abstrakte Malerei zum Beispiel von Bernard Schultze. Irgendwann werde ich ein abstraktes Bild malen, ich mache dann das selbe wie jetzt und muss nur das Gegenständliche weglassen. Der Unterschied zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei wird sowieso viel zu überbewertet.

 

Hast du ein Lieblingsbild? Etwas Unverkäufliches, das du nicht hergeben willst?  

 

Ja, da gibt es einige. 

 

Welches ist dein aktuellstes Bild, woran arbeitest du gerade?  

 

Das sind die Bilder, die gerade hier im Atelier hängen. 

 

Also warten die hier alle noch auf ihre Fertigstellung?  

 

Die zwei Bilder da oben, die schaue ich mir seit Monaten an und frage mich, ob die fertig sind. (Er zeigt auf zwei Porträts.) Meistens sind sie dann fertig, wenn sie gerahmt sind. Aber auch schon gerahmte Bilder sind vor Überarbeitung nicht sicher. Mit dem Fertigstellen ist das so eine Sache, es ist meist ein völlig unspektakulärer Augenblick, wenn ein Bild fertig ist, die wirklich interessanten Sachen passieren zwischendurch. Es gibt auch nichts langweiligeres als Fertigmalen, wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert. Deswegen überlege ich manchmal lange, ob was fertig ist, oder ob noch was passieren kann, was das Bild besser macht. Da gibt es auch so ein Zitat: „Das Gute ist der Feind des Besseren.“  

 

Viele deiner Bilder wirken wie Ausschnitte aus Filmszenen. Malst du sie nur aus dem Kopf oder hast du Vorlagen? 

 

Da gibt es oft Teilvorlagen, die ich kombiniert habe. Ich verwende alles. Sei es selbst gesehen oder geklaut, Sachen, die ich fotografiert, mir ausgedacht oder irgendwo ausgeschnitten habe. Ich bin ein Bilderjunkie und sauge viel aus dem Netz, was ich vielleicht mal verwenden könnte. Manchmal gibt es dann so ein Match und es passt auf einmal was zusammen und wird ein Bild. Es gibt natürlich auch originäre Ideen und wirkliche Personen, die mir hier im Atelier für Fotos Model gestanden oder gesessen haben. Meine Früchte-Bilder sind sogar nach der Natur gemalt.  

Die Bilder bieten viel Raum zur eigenen Interpretation. 

 

Hast du für dich jeweils deine eigene Deutung? 

 

Nein, habe ich eigentlich nicht. Manchmal drängt sich sowas zwar auf, aber deswegen male ich ein Bild nicht. Nein, ich male es, um es zu malen, weil mich Malerei interessiert. Es kann sich jeder etwas dabei denken, wobei wir wieder beim Wort „Projektion“ sind.

 

Machst du dir vorher ein Konzept?  

 

Es gibt eine Vorlage, die ich skizziere oder collagiere. Dann fange ich das Bild grob an und schaue, ob alles richtig sitzt, oder ob ich noch was ändern muss. Und dann gehe ich vom Großen ins Kleine. Ich habe häufig das Gefühl, je konkreter die Vorlage, desto unwahrscheinlicher ist die Ähnlichkeit mit dem Endergebnis. Das macht die Malerei ja auch eigentlich spannend, dass ich vorher nicht weiß, wie das Bild aussehen wird, was von der ursprünglichen Idee übrigbleibt, wie sie Form annimmt.

 

Fällt es dir schwer, Titel für deine Bilder zu finden?  

 

Ganz, ganz selten. Wenn mir aber partout nichts einfällt, dann steht schon mal „O. T.“ dran. Titel können ganz banal sein: „Das rote Auto“, „Das blaue Haus“ ... oder auch ungemein bedeutungsschwanger: „Wenn Du jetzt gehst, komm nicht wieder“. Wie hat sich der Künstler da wohl gefühlt ...? Vor allem sind Titel praktisch, um die Bilder zu unterscheiden.

 

Kommst du schon mal in einen „Malwahn“, so dass du nicht mehr aufhören kannst?   

 

Früher habe ich das oft gemacht, malen bis zum Umfallen. Das muss jetzt nicht mehr sein. 

 

Du kannst dich also rausreißen, auch wenn du gerade im „Flow“ bist? 

 

Sagen wir mal, ich kann den Flow besser einschätzen, ich weiß, länger als fünf Stunden kann man eigentlich nicht sinnvoll den Pinsel schwingen … Je älter ich werde, desto undramatischer wird’s, desto ruhiger wird man auch. Ich hatte früher auch gerne mal Wutanfälle und habe Bilder aus dem Rahmen geschnitten oder in die Ecke geschmissen. Heute bin ich entspannter, da stelle ich die Bilder dann weg und weiß, das wird heute nix mehr, vielleicht ein anderes Mal ... # 

 


Zur Person

Andreas M. Wiese  - Jahrgang 1966  -  Studium an der  Kunstakademie Düsseldorf  -  Meisterschüler bei Prof.  Klapheck  -  Freier Maler  -  lebt und arbeitet in Wuppertal  

 

www.amwiese.de


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