"Je länger der Weg vom Kopf zum Ergebnis ist, desto mehr bleibt das Gefühl auf der Strecke."

 

Zu Gast in der alten Fleischerei bei Christian Ose.

Christian Ose ist Maler, Fotograf und Industriedesigner. Sein Werk ist vielseitig und schwer einzuordnen. Seine Arbeit wird sowohl von der klassischen Ölmalerei als auch von innovativen Computertechniken geprägt. Im Vordergrund steht dabei immer der Mensch, insbesondere das menschliche Gesicht fasziniert den Künstler. Er sucht in seinen Bildern immer nach dem einen, spannenden Augenblick. Seit 2012 hat er sein Atelier nun im Ladenlokal einer alten Fleischerei in Ronsdorf, die er zusammen mit seiner Frau auch als Galerie nutzt.  

Herr Ose, warum machen Sie Kunst?  

 

Christian Ose: Also, aus Neigung bin ich sehr früh zur Kunst gekommen. Schon als Kind habe ich gemalt und gezeichnet. Das wurde erst einmal durch die schulische Laufbahn unterbrochen. Da gab es eigentlich nur den Kunstunterricht, der zielführend war. Irgendwann ab sechzehn habe ich dann die Fachoberschule für Gestaltung in Wuppertal besucht. Das war die erste Schule, die ich mir selber ausgesucht habe. Und das hat auch richtig Spaß gemacht, denn es entsprach genau dem, was ich machen wollte. Zeichnen, malen, Modelle bauen, ... so in der Richtung. Von da aus war der Weg geebnet. Was macht man also damit? Grafik-Design zu studieren hieße ja: nur zeichnen. Und Kommunikations-Design gab es so zu der Zeit noch nicht. So habe ich mich für Industrie-Design entschieden. Im Grundstudium habe ich dann die ganzen Grundtechniken verfeinert, so wie die Naturstudien. Das hätte ich acht Semester/Wochenstunden machen müssen, aber es wurden 28. Bei Aktzeichnen war es so ähnlich. Fotografie habe ich intensiv betrieben. Hinterher bin ich in die Malereiklasse von Professor Badura gegangen und habe da vier Semester gemalt.

 

Irgendwann stand meine Entwicklung auf der Kippe. Mein Freund ging damals auf die Kunstakademie und ich wollte mitgehen. Aber da war ich nun doch schon kurz vor dem Abschluss und ich dachte mir: erst mal der Abschluss, dann weitersehen. Und dann ist durch den Abschluss etwas ganz anderes entstanden. Denn ich habe für den Abschluss weniger gemalt, sondern eine Holografie-Kamera entwickelt. Und so habe ich mich der Holografie gewidmet und das auch fünf, sechs Jahre lang gemacht. Ich versuchte, künstlerische Hologramme zu machen. Davon gibt es auch noch etliche, in Koffern verpackt. Es gab auch Ausstellungen, national und international. Das Thema war, Anfang der 80er, insgesamt spannend. 1992 habe ich dann damit aufgehört. Und dann war auf einmal eine künstlerische Schaffenspause, in der ich meinen beruflichen Dingen nachgegangen bin, die da sind: Modellbau und Exponatbau. Anfangs war das für die ganze Holografiethematik und später kamen Messeobjekte hinzu und Museumsausgestaltungen. Im Urlaub habe ich jedoch immer mal wieder gemalt und aquarelliert. Und irgendwann 2006 habe ich dann wieder intensiv angefangen. Da habe ich sofort mit Öl angefangen und mich sehr gewundert, dass das gleich so gut geht, obwohl ich vorher nie Ölfarbe benutzt hatte. Dann habe ich mir ein Atelier genommen und eben intensiver gemalt. 

 

Sie beschäftigen sich also intensiver mit der Malerei als mit der Fotografie?  

 

Ja, das ist jetzt seit 2006 so. Das Malen war faszinierend für mich, so dass ich die ersten drei Jahre nur gemalt habe. Und dann habe ich auch wieder fotografiert, aber dann kam der Beruf auch wieder dazwischen und ich hatte da wieder mehr zu tun. Und da ich so viele Modelle baue, im Moment sind es wieder sehr viele, komme ich überhaupt nicht mehr zum Malen. Dazu habe ich gerade keine Zeit mehr. Aber fotografieren, das geht noch und das mache ich dann auch. 

 

Zur Zeit haben Sie also einen richtigen Vollzeitjob mit vierzig Stunden?  

 

Mehr als vierzig Stunden, da ich ja selbstständig bin. Ich mache das hier in der Gegend in eigenen Räumlichkeiten. Mittlerweile auch mit einigen Hilfskräften und Studenten. Das ist wirklich viel im Moment. Aber ich sehe das auch als künstlerische Tätigkeit, ich will das gar nicht so trennen. Es ist bloß angewandter. Es gibt eine Aufgabenstellung, zu der ich dann irgendwas machen muss. Eine von den ungewöhnlicheren und schönen Arbeiten war zum Beispiel die Nachbildung einer historischen Schreibmaschine von 1878. Die erste Schreibmaschine der Welt war eine Kugelmaschine. Sie hatte eine Kugelform. Die haben sie im Museum in einer Vitrine stehen. Die darf  natürlich keiner anfassen, weil sie viel zu kostbar ist. Und jetzt brauchten sie ein Hands-on-Modell an der man herumfingern kann, und das ist kombiniert mit einem Interface, das am Monitor mitverfolgt, was man am Modell macht. Und das war eine ganz tolle Sache. 

 

Das hört sich spannend an. 

 

Da muss man viel recherchieren und sich überlegen, wie man das umsetzen kann und wie das eigentlich funkti-oniert. Oder für Künstler arbeite ich auch immer mal wieder. Zum Beispiel für die 7 Särge-Ausstellung von Gerhard Rossmann in der Schwarzbach-Galerie. Diese sieben Särge sind alle bei mir in der Werkstatt entstanden. Der Herr Rossmann hat die Konzepte geliefert und ideentechnisch haben wir uns zusammengesetzt. Das war natürlich alles seine Idee, aber die Umsetzung kam dann von mir. Künstlerische Modelle baue ich also auch. 




Wo ziehen Sie denn dann die Grenze? Was ist nun Ihre eigene Kunst? 

 

Bei Rossmann nehme ich mich ganz einfach zurück, weil ich selbst ja nie auf die Idee gekommen wäre, Särge auszugestalten. Das Thema hat er mitgebracht, aber die Arbeit hat natürlich großen Spaß gemacht. Da war zum 

Beispiel eine Landschaft im Sarg oder ein vergoldetes Skelett oder ein russischer Flugschreiber, eingebettet in einer Granitplatte. So etwas in der Art. Er hat sich da zum Thema Tod, Sterberituale und Religion Gedanken gemacht. Aber ich mache ganz viele Sachen. Ich habe zum Beispiel mal eine Bombe nachgebaut oder ich arbeite viel für Messen, stelle beispielsweise Vergrößerungen von Werkzeugen her. Diese Exponate sehen verblüffend echt aus, weil sie voll detailliert sind. Ich wundere mich, dass Sie in Ihrer künstlerischen Arbeit nie bildhauerisch tätig waren. Das trifft den Punkt. So etwas sehe ich schon für meine Zukunft.

 

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich sage, dass Malerei seine Grenzen hat, zumindest für mich. Ich kann malen und das wird mir auch weiterhin Spaß machen, aber ich habe den Eindruck, dass die Malerei im Moment etwas in der Krise ist. Es ist eine  Übersättigung da. Es malen unheimlich viele Leute. Die Qualität ist relativ hoch. Bei der Fotografie ist es ähnlich. Es gibt auch ganz viele Fotografen. Aber in der Plastik, im Dreidimensionalen ist noch was möglich. Da kann sogar Neuland betreten werden durch die ganzen Technologien, die es früher gar nicht gab. Also: Kunststoffe und Computerbearbeitung.   

 

Sie haben ja das nötige Vorwissen im Modellbau. 

 

Das habe ich lustigerweise noch nie umgesetzt. Ich mache immer nur für andere Leute tolle Sachen. Doch ich habe mir das schon mal vorgenommen, aber es ist noch nicht konkret. Bei allen Arbeiten, die man macht, muss man immer eine gute Idee haben, sonst endet das alles in einer ausgefeilten Technik, aber es fehlt die Bildaussage oder eben die Werkaussage. Und ich glaube, das ist am allerwichtigsten, dass man weiß, warum man etwas macht. 

Nur aus Spaß an der Freude alleine kann man zwar auch schöne Sachen machen, aber noch nicht unbedingt etwas, was Bedeutung hat. Keine Ahnung, das ist eine schwierige Frage. Ich habe lange darüber nachgedacht. 

 

Welches Leitthema haben Sie bei Ihren Bildern? 

 

Die Themen sind auch schwierig. „Gesicht“ ist ein großes Thema und auch „Landschaft“. Das sind so meine Themen. Aber bei Gesichtern ist das so eineSache. Malt man fremde Leute, wer hängt sich das dann hin? 

Bekannte Personen sind schon gefragter. Ich könnte ja Schauspieler malen, aber da liegt mir nichts dran. Es kann ja auch nicht nur das Ziel sein, dass man Kunst macht, nur damit sie verkauft wird. Ich habe jetzt hier drüben mal ein paar Bilder ... (Wir gehen in den Nebenraum.) das hier sind so einige Bilder aus den vergangenen Jahren. 

Von den großflächigen Bildern gibt es drei. Das hier sind Geschichten, da habe ich Irritationen durch Accessoires, die ich den Bildern beigefügt habe. Die Originale sind Fotos als Vorlage, die ich aber durch Hinzufügen von Dingen inhaltlich verändere. Also, die Assoziation die man bei so einem Bild dann hat, ist dann durch die Gegenstände vorgegeben.

 

Hier zum Beispiel: Der Hintergrund passt nicht zur Person, er geht aber trotzdem eine Einheit ein und im Betrachter entsteht jetzt etwas. Wie sieht die Frau für Sie aus? Lacht sie oder weint sie? Sie wirkt, als würde sie weinen, aber das ist nur durch den Kontext gegeben, da der Hintergrund bedrohlich wirkt. In Wahrheit ist dies ein Ausschnitt eines Bildes, bei dem sich zwei Frauen beim Karneval in Rio komplett tot lachen. Sie lachen so, dass es gerade auf der Kippe vom Lachen zum Weinen ist. Das sind so Spielereien. 

 

Das sind nun alles asiatische Frauengesichter. 

 

Ja, die meisten. 

 

Interessieren Sie sich für Asien? Sie sprechen ja auch ein wenig Japanisch. Wie kommt das? 

 

Nun ja, ein bisschen. Das kam aus reinem Interesse zustande. Das kam über die Musik. Nicht über die klassische japanische Musik, sondern eher die Popmusik. Dann wollte ich irgendwann mal die Texte verstehen, aber das kann ich leider immer noch nicht (lacht). So ist das gewesen. Dann habe ich mich eben auch mit den Gesichtern beschäftigt und da reizten mich halt die asiatischen Gesichter. Das war so von 2006 bis 2009. 

Die meisten Vorlagen sind aus dem Netz. 

 

Dieses große Bild sieht ja spannend aus, auch ein wenig bedrohlich. 

 

Das ist zum Beispiel eine Chinesin, die vermutlich auf einer Party ein Selfie von sich macht. Ich kenne den Fotografen nicht. Aber hier hat mich die Technik gereizt. Ich komme ja eigentlich von der Aquarellmalerei. Aquarell hat etwas mit dünnen, wässrigen Schichten zu tun, bei denen die Farben noch halbwegs transparent durchscheinen und luftig leicht wirken. Im Gegensatz zur Ölmalerei, wo die Farbe meist pastos aufgetragen wird. Und das habe ich bei diesem Bild ausprobiert. Es ist aus etlichen dünnen Lackschichten zusammengesetzt. Deswegen ist da jetzt auch Klarlack drüber, damit der Glanz erhalten bleibt. Das war der Reiz dabei. Die meisten anderen Bilder sind da anders und nicht so durchscheinend. Das ist dann eher Primamalerei, also in einem Zug gemalt. Das heißt 

jetzt natürlich nicht, in nur drei Stunden gemalt, aber eben nicht mit Untermalung und so. 

 

Was reizt Sie an den Gesichtern? 

 

Bei diesen Gesichtern geht es mir nicht um das oberfläch-liche Beauty-Thema, sondern im Gegenteil: Ich will eigentlich zeigen, wie sie wirklich sind. Vielleicht ist das dann auch ein wenig übertrieben, denn ich habe ja das eine oder andere extra eingearbeitet, was man sonst wegretuschieren würde.

 

Waren Sie selbst schon in Asien? 

 

Ja, das hat sich durch den Sprachkurs ergeben, den ich selber gemacht habe. Es gab dann so Tandem-Partner- schaften, im Internet geht so etwas. Da hat sich dann eine Brieffreundschaft entwickelt und irgendwann dachte ich mir: Da musst du doch einmal hinfahren. Und dann haben sie mich spontan eingeladen. Sie meinten, dass ich vorbei kommen solle, wenn ich mal runter käme. Und so war ich dann eine Woche dort in Japan bei einer Familie. 

 

Haben Sie auch Fotoarbeiten? 

 

Das neueste Bild ist dieses hier. Das erfreut sich auch regen Interesses. Das hatte ich letztes Jahr auf der WOGA hängen und das wurde vom Fleck weg verkauft. Das haben wir dann noch mal ausbelichtet und auf Dibond aufgezogen. 

 

War das eine Auftragsarbeit? 

 

Nein, das gehört zu meiner freien Arbeit. Das ist in einer Halle in Schwelm entstanden, die jetzt schon nicht mehr steht. Das war ein altes Eisenwerk. Da habe ich das Grundmotiv mehrmals gespiegelt. Und daraus wird dann plötzlich so ein Objekt, das aus der Ferne betrachtet, fast wie ein Satellit aussehen könnte, und kommt man näher ran, könnte es ein modernes Bühnenbild sein. Und um das Ganze zu steigern, habe ich dann hier Figuren rein-kopiert, damit man weiß, wo oben und unten ist. Das sind so Spielereien, die ich gerne mache. Beim Spiegeln entsteht in der Mitte dadurch immer etwas Ornamentales, wie in einem Kaleidoskop. Aber das machen ja auch einige, da bin ich nicht der Einzige. Aber damit beschäftige ich mich schon mal ganz gerne. Ansonsten fotografiere ich auch gerne Landschaften. Hier sind ein paar Beispiele. (Er blättert in einem Fotobuch.) 

 

Dieses Bild über den Wolken ist ja toll. Ist das aus dem Flugzeug fotografiert? 

 

Nein, das ist beim Hermannsdenkmal. Ich bin da auf der Autobahn vorbei gekommen und habe gemerkt: Oh, jetzt kommt aber etwas Interessantes. Die Nebeldecke schloss sich gerade und dann bin ich zum Denkmal rauf gefahren und war plötzlich genau über den Wolken. Und dann ging die Sonne auch noch unter. Das sind dann so Glücksmomente.





Wie lange haben Sie jetzt hier ihr Atelier? 

 

Seit 2012. Zuerst habe ich die alte Fleischerei nur als Atelier genutzt, nachdem ich die Räume für die WOGA 2012 hergerichtet hatte. Ich habe ein paar Ausstellungen mit  meinen Arbeiten hier gemacht, habe sogar im Schaufenster gemalt. Später entstand die Idee, auch anderen Künstlern die Möglichkeit einer Ausstellung zu geben. Auch aus geschäftlichen Gründen kam dann meine Frau dazu und wir gründeten die Galerie.   

 

Das neben Ihrem Beruf zu organisieren, macht sicher viel Arbeit? 

 

Ja, das ist schon Arbeit. Wir haben ja jetzt die Öffnungszeiten auf Mittwoch, Donnerstag und Freitag 18 Uhr gelegt, das schaffe ich so halbwegs. Dazu kommt der Samstag von 12:30 bis 15 Uhr. Das ist ein großer Bereich, wo wir eigentlich noch gar nicht so genau wissen, wie das so geht hier. Laufkundschaft gibt es so gut wie gar nicht. Und welche Öffnungszeit ist dem Publikum, das kommen will, eigentlich genehm? Die meisten arbeiten, denke ich mir, da hat es sowieso keinen Sinn, sich schon um 16 Uhr hinzusetzen und zu warten. Und am Wochenende haben wir es auch schon ausprobiert, da war es zeitweise besser, vor allem am Samstag, aber wir haben es immer noch nicht heraus, wann die ideale Zeit ist. Deswegen haben wir jetzt diese Zeit, von 18:00 bis 19:30 Uhr. Da kann man mal nach dem Rechten gucken und wenn einer rein kommt, dann ist das schön. Und am Wochenende haben wir teilweise auch auf. Gestern war hier auch offen. Die Eröffnungen, die sind immer gut besucht! 

 

Lohnt sich die Galerie denn finanziell? 

 

Leider nicht so richtig. Es gab ein gutes und ein schlechtes Jahr. Wir haben auch schon „draufgelegt“. Die Galerie wird aber weiter laufen. Bis Ende des Jahres haben wir Voranmeldungen und Ausstellungen und wir haben auch immer etliche Ausstellungsanfragen. Als nächstes kommt Carmen Siebke. Sie macht Plastiken, also etwas zum Anfassen. Das finden wir ganz interessant, auch dass sie darauf besteht, dass ihre Sachen „begriffen“ werden, da sie sie ja auch mit den Händen herstellt. Das ist eine andere Welt und auch eine andere Sprache, die man durch bloßes Angucken gar nicht erfassen kann. Da sind wir dann auf die Idee gekommen, einen Schritt weiter zu gehen und die Blindenvereine einzuladen. Vielleicht kriegt man mal Leute, die nicht sehen können, in eine Ausstellung. Mal gucken, ob sie reagieren. Die Einladungen sind draußen. Das finde ich schön. Siebke macht kleine Bronzefiguren und sagt: „Was soll schon mit denen passieren, wenn man sie berührt?“ Sie werden ja festgeschraubt am Sockel und man kann sie nicht runterwerfen und abgreifen tun sie sich nicht. Warum soll man sie also nicht anfassen? Danach kommen drei Kunststudenten mit spannenden frischen Arbeiten. Zwischendurch werden einige Lesungen stattfinden. Dann wird immer der ganze Raum bestuhlt und nett hergerichtet. Das wird vom Publikum gut angenommen.

 

Wuppertal als Standort war für Sie nie eine Frage? 

 

Ich wohne hier. Ich komme gebürtig aus Stuttgart und bin in Hagen aufgewachsen. 

 

Von wann sind denn die Bilder hier vorne im Ausstellungsraum? 

 

Die müssten von 2013 sein. Das sind mit die neuesten. Hier ist aber auch eine Serie von 2008. Zu sehen ist hier die, bereits leider verstorbene, Isabelle Caro. Ich habe sie durch die Kampagne des Starfotografen Oliviero Toscani gesehen. Er hatte ja für Benetton eine Schockwerbung (Kampagne gegen Magersucht) gemacht. Dadurch bin ich auf das Thema aufmerksam geworden. Ich hatte vorher gar keine Ahnung, dass es sowas gibt. Dann habe ich über Facebook mit ihr Kontakt aufgenommen. Dort gab es dann einen Informationsaustausch. Das war schwierig, da ich kein Französisch kann. Sie war aber auch als Mensch sehr schwierig. Aber sie hat mir die Erlaubnis gegeben, sie zu malen und hat mir das Foto zur Verfügung gestellt. Und dann habe ich ihr auch ein Plakat gemacht, für einen ihrer Auftritte. Das war dann sozusagen die Bezahlung. Ich habe mein Bild dann natürlich neu montiert. Auf dem Original-bild lag sie nur auf irgendwelchen Bühnenbrettern.   

 

Wie ist das grundsätzlich, wenn Sie zum Beispiel Bilder aus dem Internet verwenden. Holen Sie sich da eine Erlaubnis ein? 

 

Das ist schon schwierig. Bei den Bildern, wo es ganz wichtig ist, frage ich natürlich immer nach. Zum Beispiel bei der Japanerin, die einen so intensiv anguckt, da habe ich tatsächlich im Nachhinein herausbekommen, wer das war und wer das Bild gemacht hat. Und dann habe ich dafür eine Erlaubnis bekommen. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob man das wirklich muss, da es sich ja um eine künstlerische Umsetzung handelt. Ich weiß, dass das Urheberrecht mit Persönlichkeitsrechten schon so um 1900 galt und damals wurde ja noch nicht so viel fotografiert. Da galt damals schon das gezeichnete Porträt als Eingriff ins Persönlichkeitsrecht, wenn man es veröffentlichte. Das ist immer sehr schwierig. Durch die ganze Internet-Geschichte wird aber das Ganze ad absurdum geführt. Die Leute stellen alles öffentlich und da kann man eigentlich nicht gleichzeitig auf seine Persönlichkeitsrechte pochen. Aber ich frage lieber vorher.

Doch die ganze Sparte Street-Fotografie dürfte es so nach dem Gesetzgeber gar nicht geben, doch es gibt sie noch und sie ist ja auch hochinteressant. 

 

Mit Computergrafiken beschäftigen Sie sich auch? 

 

Das hier ist mal so eine Serie von Bildern aus Vektorgrafiken. Das ist im Computer entstanden, also mit dem Zeichentablett gezeichnet. Und da mache ich dann Neukompositionen und drucke sie, zum Beispiel auf Leinwand, aus. Davon habe ich schon eine ganze Reihe gemacht. Diese Art gefällt vielen. Mit der Technik habe ich auch schon einige Auftragsarbeiten gemacht. 

 

Das geht schon in die Richtung Comic-Style. 

 

Ja, ein bisschen, aber der Inhalt ist gar nicht komisch. Dieses Bild hier besteht aus drei Fotomotiven, die zusammengesetzt wurden. Und dann ist es absichtlich nicht fertig gemacht worden, damit es so etwas Verlaufendes, etwas Zerstörtes hat. 

 

Ich bearbeite meine Bilder intensiv am Computer und   zeichne direkt auf den Bildschirm, wie auf Papier, aber mit Vektorgrafiken, was den Vorteil hat, dass sich die Ergebnisse beliebig vergrößern lassen. Im Nachhinein setze ich dann schon noch ein paar Lichter mit einem Bildbearbeitungsprogramm rein, aber ich lasse die Arbeiten insgesamt sehr flächig. Solche Sachen mache ich dann eben auch als Auftragsarbeiten. Zum Beispiel habe ich schon mal ein Kinderporträt in der Größe eines Quadratmeters gemacht. Das hängt jetzt in einem Wohnzimmer. 

 

Woran arbeiten Sie zur Zeit? 

 

Das letzte Bild, das gerade in Arbeit ist, ist ein Riesenporträt. Das ist auch wieder die lasierende Öl-Technik, die ich auch bei den beiden anderen großen Bildern angewandt habe. Es ist auch wieder die gleiche Größe. Aber irgendwie hat es noch keinen Witz. So ähnlich ist es mir auch mit dem Bild „Energiedrink“ gegangen. Da habe ich mich auch lange gefragt, was soll das jetzt? Warum sitzt die Frau da so? Erst als ich auf die Idee mit dem Wasserstrahl gekommen bin, hat das Bild eine Aussage bekommen. 

 

Haben Sie nie daran gedacht, nur Kunst zu machen? 

 

Ich glaube, davon kann man nicht leben. Das reicht einfach nicht. Auch Ausstellungen zu machen ist viel Arbeit. Man fährt hierhin und dahin. Man weiß ja, was man an Geld im Monat braucht. Dann müsste man jeweils die Hälfte der Ausstellungen verkauft bekommen. 

 

Verkaufen Sie Ihre eigene Kunst denn noch über andere Galeristen? 

 

Nein. Ich mache alles alleine. Ich denke, es ist auch schwierig, einen guten Galeristen zu finden. Ich hatte damals mal bei Steffen Schneider ausgestellt, als er noch seine Galerie Blickfang hatte, auch in anderen Galerien habe ich ausgestellt, aber einen eigenen Galeristen habe ich nicht. Es ist manchmal einfach auch die Frage, ob man zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Vielleicht kenne ich nicht die richtigen Leute, die einen nach vorne bringen können. Vielleicht müssten meine Bilder einfach nur einmal woanders gezeigt werden, so dass manch einer denkt, jetzt habe ich das richtig verstanden und jetzt finde ich das auch gut. 

 

Bei der WOGA nehmen Sie auch immer teil? 

 

Nicht mehr. Ich habe teilgenommen ab 2006 und in Folge immer wieder. Ich habe mir da auch immer sehr viel Mühe gegeben. Einmal in Sonnborn und hier auch schon ein paar mal. Aber wir lassen das jetzt in Zukunft. Es kommt wohl Besuch, aber die gucken nur. Es gibt da viele Hobbyisten, die einfach nur sehen wollen, wie ist das da so gemacht. Dann tauscht man sich bei der Fotografie über Blende und Belichtungszeit aus, aber über das Motiv eigentlich weniger. Das ist für uns als Galerie schwierig. WOGA heißt zwar „Wuppertaler offene Galerien und Ateliers“, aber da nimmt kaum noch eine Galerie teil. Es bringt einfach nicht so viel. 

 

Und in Zukunft wollen Sie sich also auch mit Bildhauerei beschäftigen? 

 

Bildhauerei. Ich werde ja mein Bild nicht hauen (lacht), aber wer weiß. Momentan finde ich 3D-Drucker auch sehr spannend. Inzwischen habe ich zwei davon, weil ich merke, dass man damit eine ganze Menge machen kann, was man rein handwerklich nur unter Schwierigkeiten schafft. Und das ist ein Mitarbeiter, der keine Fragen stellt. Der macht das einfach. Das Drucken dauert stundenlang, aber das ist mir dann ja egal. Ich sehe Möglichkeiten, auf den Prozess kreativ einzuwirken. Auch die Reproduktion ist dann einfacher. Mal gucken, wie sich das weiterentwickelt. Aber da reizt mich einfach das Medium. Das habe ich aber bei all den Kunstarten gemerkt, auch bei der Holografie: Je mehr Technologie dazwischen ist, je länger der Weg also vom Kopf zum Ergebnis ist, desto mehr bleibt das Gefühl auf der Strecke. Wenn ich durch den Fotoapparat schaue und Kunst mache, dann geht das noch. Das ist noch ziemlich direkt. Aber wenn es dann viel mehr Zwischenschritte gibt, die nicht künstlerisch sind, dann wird es immer komplizierter, ein anständiges Ergebnis zu bekommen, etwas, bei dem man auch ergriffen ist. Das ist meine Erfahrung.

 

Als ich noch mit Wachsmalstiften malte, da hat man da etwas Explosives gespürt. Das finden die Leute gut. Sie sehen, da ist Gefühl drin. Aber eine gepinselte, foto-realistische Arbeit ... da stehen die Leute davor und denken sich: Ja, das ist viel Arbeit. Aber das Gefühl kommt dann oft nicht mehr rüber. Da geht etwas verloren. Auch bei meinen ersten Hologrammen, die noch viele Fehler und Flecken hatten ... Das hatte oft mehr als das super glatte, perfekte Bild. Störungen im Bild sind mitunter nicht schlecht. 

 

Haben Sie noch Zeit für sich selbst? Zum Beispiel für ein Hobby? 

 

Nein, mein Hobby ist höchstens, wenn ich mich mit Fotos beschäftige und sie nachbearbeite. Das macht mir Spaß. Aber ein direktes Hobby, gibt es gar nicht mehr. Aber das finde ich auch gar nicht schlimm, weil ich lebe das ja. Alles was ich tue, fing ja mal als Hobby an und ist dann ein Beruf geworden. Einfach nur aus Freude an der Sache, mal ein kleines Modell zu bauen – das brauche ich gar nicht mehr. 

 

Brauchen Sie nie eine Auszeit?  

 

Das ist ein Problem. Ich arbeite zu viel. Wenn ich gerade nicht ganz so viel im Beruf zu tun habe wie jetzt, dann hat das wenigstens mit der Kunst immer noch funktioniert oder ich konnte dann auch schon mal in die Natur raus. Sonst hat man ja auch keine neuen Ideen dafür. Aber im Moment kommt das etwas zu kurz. Das ist auch der Grund, warum ich zur Zeit nicht male. Ich bin nicht frei dafür. Ich kann nicht alles gleichzeitig machen. Wir haben ja auch die Galerie, suchen Künstler aus und führen Gespräche. Dann wird die Ausstellung hier gestaltet und das reicht mir im Moment. Aber eines Tages male ich wieder. Das weiß ich. Es juckt mich schon wieder. #

  


 

Zur Person

Christian Ose - Jahrgang 1958 - geboren in Stuttgart   - Studium Industrial Design, Kunst und Malerei -  Studium Physik und Holografie - lebt und arbeitet in Wuppertal  - Atelier „Die alte Fleischerei“ in Wuppertal-Ronsdorf  

 

www.christianose.com


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